Politik des öffentlichen Raumes – Leopold Banchini im Gespräch mit Estelle Gagliardi

Veröffentlicht am 07. Januar 2026 von
Estelle Gagliardi

Der 1981 in Genf geborene Leopold Banchini ist Architekt. Er lehrte an verschiedenen Hochschulen im In- und Ausland. Das Bild zeigt ihn vor seinem Atelier in Genf. | Foto: Leopold Banchini

Der 1981 in Genf geborene Leopold Banchini ist Architekt. Er lehrte an verschiedenen Hochschulen im In- und Ausland. Das Bild zeigt ihn vor seinem Atelier in Genf. | Foto: Leopold Banchini

Der 1981 in Genf geborene Leopold Banchini ist Architekt. Er lehrte an verschiedenen Hochschulen im In- und Ausland. Das Bild zeigt ihn vor seinem Atelier in Genf. | Foto: Leopold Banchini

An einem heissen Spätsommertag hat mich Leopold Banchini in seiner Studio-Hütte empfangen, die versteckt im hinteren Teil seines Gartens in Genf liegt. Eigenhändig errichtet – aus Holz, Wolle und Glasfaser – vermittelt sie ein Gefühl von Einfachheit und ein Versprechen von Freiheit. Licht fällt gefiltert ein; die Zeit scheint innen langsamer zu vergehen. Dort legte er dar, wie jedes seiner Projekte aus einer nonkolonialen und partizipativen Lesart heraus entsteht; und wie öffentliche Räume – temporär oder dauerhaft – mit den Nutzer*innen und dem Kontext in Dialog treten können.

Estelle Gagliardi Im Projekte-Teil des Magazins zeigen wir neue öffentliche Bauten aus der Schweiz, sehr präzise und definitiv. Aber uns interessieren in diesem Zusammenhang auch temporäre Architekturen. Du realisierst viele Projekte im öffentlichen Raum, die nicht vorschreiben, wie sie zu nutzen sind, sondern stattdessen bereichern und neue Möglichkeiten eröffnen. Das finde ich an deinem Ansatz so spannend. Und wenn ich deine Projekte Revue passieren lasse, dann sind es kleine Interventionen, die dennoch sehr viel bewirken.

Leopold Banchini Ja, das stimmt. Heute Morgen unter der Dusche, habe ich gedacht, dass es schwierig werden könnte, über Schweizer Städtebau zu reden, denn die etablierten Prozesse entsprechen nicht meiner Art zu arbeiten. Und philosophisch gesehen habe ich eine eher anarchistische als totalitäre Haltung. Für mich ist das gestaltende Handeln in der Stadt eine komplexe Frage. Es ist jedoch nicht so, dass ich die Arbeit von Stadtplaner*innen nicht bewundere, im Gegenteil; ich schätze es sehr, dass sie sich dem widmen. Aber mich haben stets Formen der räumlichen Organisation angezogen, die spontaner entstehen, die sich im Lauf der Zeit herausbilden – durch Nutzungen und durch von Gemeinschaften selbst etablierten Regeln. Wenn ich an Städte denke, die mir gefallen, dann sind dies oft Orte, die von dieser Dynamik geprägt sind. Gestern habe ich im Wallis bei der Weinlese in Plan-Cerisier mitgeholfen. Ich weiss nicht, ob du den Ort kennst.

EG Meiner Grosseltern wohnen in der Nähe.

Tobias Madörin

Plan-Cerisier, Martigny, 2025 | Foto: Estelle Gagliardi

Plan-Cerisier, Martigny, 2025 | Foto: Estelle Gagliardi

LB Ich habe Freunde in Plan-Cerisier, deren Eltern leben ebenfalls dort. Es war Weinlese und meine Tochter wollte unbedingt, dass wir beide mithelfen. Es war unglaublich schön. In einer solchen Situation denke ich an Stadtplanung. Derart konkrete Handlungen etablieren eine menschliche Dimension – und genau das fasziniert mich. Für mich ist es schwierig, klare Vorstellungen von Städtebau in einem grossen Massstab zu entwickeln, weil solche räumliche Setzungen nicht unbedingt meiner Vorstellung von Gesellschaft entsprechen. Ich sehe meinen Beitrag eher auf viel kleineren, selbstverwalteten Ebenen, die durch unmittelbare Nutzungen entstehen: durch das, was jede*r einzelne tun kann, um den öffentlichen Raum zu verändern, ihn umzubauen. Es gibt Dinge, die ich dort extrem wichtig beziehungsweise problematisch finde. Allem voran die Autos: In Genf haben leider alle Politiker*innen – ob rechts oder links – Angst, das Thema anzugehen. In einigen meiner Projekte, etwa dem Bab al Bahrain Pavilion, versuche ich den Automobilverkehr zurückzudrängen und für die Fussgehenden Raum zu gewinnen. Und das Projekt für ein temporäres öffentliches Bad in Logroño ist letztlich ähnlich. Wir haben zwar den Strassenraum für die Autos nicht verkleinert, aber den Innenbereich eines Kreisels besetzt – einen Raum, der normalerweise wegen dem Verkehr kaum zugänglich ist. Solche Interventionen regen mich dazu an, über die Rolle des Autos in der Stadt nachzudenken.

EG Fast alle Städte wurden seit den 1960er-Jahren mit Fokus auf den Automobilverkehr umgebaut. In Mailand beispielsweise verursacht das grosse Probleme. Da es kaum Grünflächen gibt, erwärmt sich die Stadt im Sommer stark, was wiederum die Lebensqualität senkt. Was mich in diesem Zusammenhang beschäftigt, ist, dass wir in Architekturschulen oft Autor*innen wie Jane Jacobs oder Le Corbusier lesen müssen. Jacobs ist nach wie vor eine wichtige Lektüre, vor allem wegen ihrer Kritik an der Moderne. Aber ihr 1961 veröffentlichtes Buch Death and Life of the American City ist veraltet und bezieht sich auf den nordamerikanischen Kontext. Im Jahr 2025 sind solche Referenzen, selbst die kritisch-sten, nur begrenzt geeignet, um zu verstehen, was mit Städten zu tun ist, die bereits in Stein oder Beton gegossen und dementsprechend schwer zu verändern sind. Deshalb finde ich es spannend, über temporäre Architekturen nachzudenken: Mit ihnen kann spontan Etabliertes infrage gestellt werden, auf die Bedürfnisse von Nutzer*innen angepasst und mit wenig Aufwand weiterentwickelt werden. Wenn man etwas mit einfachen Mitteln errichtet, wie beim Bab Al Bahrain Pavilon, den du gemeinsam mit Noura Al Sayeh realisiert hast, kann man es schnell wieder abbauen und etwas anderes daraus machen. Das knüpft auch an das 1973 erschienene Buch Shelter von Lloyd Kahn an, auf das du häufig verweist. Darin hat er die Idee einer nicht-professionellen, aber zutiefst menschlichen Architektur entwickelt – die aus den vorhandenen Materialien und Mitteln entsteht.

Noura Al Sayeh & Leopold Banchini Architects, Bab al Bahrain Pavillion, Manama Bahrain, 2012 | Fotos: Eman Ali

LB Ja, diese Idee sagt mir zu. So kann man tatsächlich anderen Lebensweisen Raum geben. Mich inspirieren vor allem alternative Projekte, die nicht von Behörden angestossen oder von Architekt*innen entwickelt worden sind. In Plan-Cerisier etwa beschäftigt mich die Körnung: Die kleinen Mazots im Vergleich zu den grossen Chalets zeigen, dass man Wohnstandards hinterfragen muss. Bevor man über Städtebau nachdenkt, sollte man Grundannahmen anzweifeln und überlegen, wieviel Wohnfläche pro Person wirklich nötig ist. Selbst ökologisch gesehen entspricht mein Atelier hier nicht zwingend den Standards – Verglasung, Dämmung und so weiter. Aber der Energieverbrauch eines kleinen, demontierbaren Projekts wie diesem ist dennoch deutlich geringer als bei einem Schweizer «Norm»-Gebäude.

2023 hat Leopold Banchini in seinem Garten einen Pavillon als Büro aus Holz, gewellten Fieberglasplatten und Wolle errichtet. | Fotos: Leopold Banchini

Das ist etwas, das ich intensiv erkundet habe, insbesondere während meiner zweijährigen Lehrtätigkeit in Mendrisio. Wir haben ein Jahr den informellen Gebieten von Lissabon gewidmet, das heisst jenen Quartieren, die nach der portugiesischen Revolution in den 1970er-Jahren auf autonome Weise entstanden sind. Es gibt davon noch viele, und es ist bemerkenswert, dass sich so etwas in einer grossen europäischen Hauptstadt abspielt, die wohlhabend ist und touristisch geprägt. Man kann dies unmittelbar an ihren Strukturen ablesen. Einige sind nach wie vor sehr rudimentär, während andere sich allmählich verfestigt und in Massivbauweise weiterentwickelt haben. Soweit ich weiss, wurde bisher keines dieser Quartiere legalisiert. In anderen Ländern gibt es Verfahren dazu, doch in Portugal bleibt das Modell ein klassisch europäisches: offizielle neue Stadtentwicklungspläne und modernistisch inspirierte Wohnbauten ersetzen das Bestehende. Faszinierend ist, dass einige dieser Quartiere inzwischen beeindruckende Dimensionen erreicht haben – interessant ist, dass die jüngeren Entwicklungen noch immer den traditionellen Logiken der Raumproduktion folgen. Cova do Vapôr im Mündungsbereich des Tejo beispielsweise bestand ursprünglich aus kleinen Fischerhäusern. Nach und nach wurden diese zu Ferienwohnungen – weiterhin autonom errichtet. Heute werden einige davon über Airbnb vermietet.

EG Sie haben eine intime, irgendwie persönliche Massstäblichkeit.

LB Genau. Der Massstab der neuen Quartiere unterscheidet sich stark. Auch wenn die hygienischen Bedingungen in manchen informellen Siedlungen nicht optimal sind: Wir haben mit den Studierenden beobachtet, dass nach der zwangsweisen Umsiedlung der Bewohner*innen in neue «moderne» Quartiere nur wenige wirklich zufrieden waren. Viele ziehen es vor, in ihren autonom gewachsenen Gemeinschaften zu bleiben.

Leopold Banchini und die Studierenden seines Ateliers an der Accademia di Architettura di Mendrisio zu Besuch in Cova do Vapôr im Jahr 2022. | Foto: Atelier Banchini

Leopold Banchini und die Studierenden seines Ateliers an der Accademia di Architettura di Mendrisio zu Besuch in Cova do Vapôr im Jahr 2022. | Foto: Atelier Banchini

Leopold Banchini und die Studierenden seines Ateliers an der Accademia di Architettura di Mendrisio zu Besuch in Cova do Vapôr im Jahr 2022. | Foto: Atelier Banchini

EG Was die öffentlichen Räume betrifft: In der Schweiz – und in Europa generell – kann man nicht einfach machen, was man will, die Regulierungen sind streng. Wie gehst du damit um? Passt du dich an, oder spielst du mit der begrenzten Zeitlichkeit?

LB Oft haben wir mit kurzlebigen Konzepten gearbeitet, die es erlauben, gewissen Normen und Auflagen zu entgehen. Das ist ein bisschen die Magie des Temporären. In der Schweiz bedeutet das: weniger als sechs Monate; alles muss demontierbar sein, ohne Fundament. Aber ein paar Regeln müssen dennoch eingehalten werden. Sofern man sich in diesem Rahmen bewegt, kann man sich von vielen Vorgaben emanzipieren. Das hat uns ermöglicht, zahlreiche Experimente zu machen und unterschiedliche Ansätze zu testen. Eine weitere Strategie, die wir häufig angewandt haben, besteht darin, ein Projekt als Kunstwerk zu deklarieren.

EG Indem man es als Installation definiert?

LB Genau. Wir arbeiten zudem gerne mit Strategien der Selbstverwaltung, zum Beispiel für den Park Pointe de la Jonction in Genf. Auf der Halbinsel, wo Rhone und Arve zusammenfliessen – liegt ein Industriegebiet, wo sich unter anderem einst ein Busdepot befand. Zurückgeblieben ist eine grosse Fläche mit belasteten Böden, auf welcher der Stadtrat von Genf einen neuen Park realisieren möchte. Unser Ansatz für diesen ist darum erfolgreich, weil wir nicht nur einen echten partizipativen Prozess aufgegleist, sondern auch einfache Regeln für die Transformation des Ortes entwickelt haben. Zum Beispiel muss alles vor Ort bleiben: kein Abtransport von Abfällen oder belasteten Böden an andere Orte – eine wesentliche Einschränkung. Alles soll lokal behandelt werden, in Selbstverwaltung mit Unterstützung der Stadt. Natürlich ist ein derart komplexer und langsamer Prozess schwierig zu vermitteln.

EG Ein ungewöhnliches Projekt, schliesslich ist die Schweiz ein kapitalistisches Land. Rendite zu erzeugen steht beim Bauen fast immer im Fokus.

LB Dank seiner wirtschaftlichen Situation und des lokalen Know-hows könnte Genf zu einem Labor für die Städte von morgen werden – für einen postkapitalistischen öffentlichen Raum oder zumindest für einen ökologisch vorbildlichen. Doch davon sind wir weit entfernt. Mir ist bewusst, dass solche Prozesse komplex sind, Zeit brauchen und das System schwerfällig ist. Trotzdem finde ich es bedauerlich, dass es nicht mehr mutige Initiativen gibt. In letzter Zeit habe ich das Gefühl, dass einige Städte – mit deutlich weniger Ressourcen – Prozesse entwickeln, die wesentlich innovativer sind.

Das Forum Pointe de la Jonction entsteht seit 2017 aus einem partizipativen Ansatz, der gemeinsam mit dem Verein aidec entwickelt wird. Seitdem begleitet ein Team – darunter Léopold Banchini – die Entwicklung des Standorts und die Schaffung des zukünftigen Parks. | Foto: Thibaut Fuks

Das Forum Pointe de la Jonction entsteht seit 2017 aus einem partizipativen Ansatz, der gemeinsam mit dem Verein aidec entwickelt wird. Seitdem begleitet ein Team – darunter Léopold Banchini – die Entwicklung des Standorts und die Schaffung des zukünftigen Parks. | Foto: Thibaut Fuks

Das Forum Pointe de la Jonction entsteht seit 2017 aus einem partizipativen Ansatz, der gemeinsam mit dem Verein aidec entwickelt wird. Seitdem begleitet ein Team – darunter Léopold Banchini – die Entwicklung des Standorts und die Schaffung des zukünftigen Parks. | Foto: Thibaut Fuks

EG Vielleicht ist es einfacher in kleinen Orten, wo bereits ein Gemeinschaftsgefühl existiert? Du hast ja von der Weinlese erzählt, wo alle zusammen kommen und gemeinsam arbeiten und etwas schaffen. Man hat einen Raum und das Kollektiv möchte darin etwas entstehen lassen. Wobei Architektur, die dort entsteht, nicht unbedingt avantgardistisch, sondern oft tief traditionell und elementar ist.

Was ich an deiner Praxis interessant finde, ist, dass du nicht den Anspruch hast, fertige Lösungen zu präsentieren. Du sagst nicht: «Ich bin Architekt, ich verändere die Welt.» Du realisierst kleine Interventionen, die konkrete Bedingungen verbessern – ohne das architektonische Ego der grossen Meister*in.

LB Ich habe nicht den Eindruck, dass es eine «richtige Vision» gibt. Das entspricht nicht meinen politischen Überzeugungen. Für mich ist Stadtplanung daher schwierig umzusetzen. Manchmal würde ich gerne… Ich bewundere die Menschen, die in Stadtplanungsämtern arbeiten und ihre Tage in Besprechungen verbringen, um langfristig Verbesserungen zu erzielen. Man muss wirklich daran glauben, denn die Entwicklungen sind langsam.

Beim Projekt zur Neugestaltung des Platzes rund um den CEVA-Bahnhof in Champel haben wir einmal an einem klassischeren Prozess teilgenommen. Aber wir haben den Wettbewerb mit einem Vorschlag gewonnen, der völlig ausserhalb der Erwartungen lag. Wir konnten übrigens deshalb teilnehmen, weil keine Landschaftsarchitekten verlangt waren, da sie dachten, dass der Platz komplett aus Beton sein würde.

EG Eine Begrünung war also gar nicht Teil des Wettbewerbsprogramms?

LB Nein. Dort treffen fünf Strassen aufeinander und es gibt die Ausgänge des CEVA. Die Auslobenden dachten daher an ein Beton-Geviert, zwei oder drei Bänke und fertig. Landschaftsarchitektur erschien überflüssig. Wir hingegen näherten uns dem Wettbewerb von Beginn an aus dem Blickwinkel von Baumschulgärtner*innen. Wir dachten uns, man müsste das ganze umdrehen. Als wir gewannen, meinte jede*r, wir seien Landschafts­architekt*innen.

In diesem Fall gab es im Prozess nichts Partizipatives. Doch für uns bietet jeder Wettbewerb die Gelegenheit, etwas auszuprobieren und an die Grenzen zu gehen. Unsere Idee war es, eine Art Wald Mitten in die Stadt zu schaffen. Wir schlugen ein strenges Raster aus Bäumen vor. Wir fragten Expert*innen von Baumschulen, was die maximale Pflanzdichte von Eichen ist. Alles andere trat in den Hintergrund: Strassenführung, Leitungen, Zugänglichkeit für die Feuerwehr: Das interessierte uns erst später. Die Stadt erhielt positive Rückmeldungen und schätzte diese Umkehr der üblichen Logik: Wir arbeiteten uns durch die Probleme, die auftauchten – eines nach dem anderen. Und es gab viele: Fragen zum Verkehrsfluss, Unfallrisiken bei einer nicht geraden Strasse, die Zugänglichkeit für Menschen mit eingeschränkter Mobilität, Anwohnende, die ihre Zufahrt mit dem Auto behalten wollten, der Wochenmarkt… Wir gingen allem nach, ohne von der Idee des Rasters abzuweichen. Ein paar der angedachten 150 Bäume mussten wir zwar weglassen, aber das Grundprinzip blieb bestehen. Es war ein langer Prozess, ein Experiment, das jedoch funktionierte. Man sollte sich daran für andere Freiraumgestaltungen orientieren. Alle reden in Genf von der Notwendigkeit, Hitzeinseln zu reduzieren. Neue Bäume werden jedoch kaum gepflanzt. Stattdessen werden ein paar Sprühnebelanlagen montiert. Es kommen immer dieselben Argumente: Laub müsse weggeräumt werden, die Sicht in Kurven sei eingeschränkt, die Unfallrisiken zu gross.

Mit 7000 OAKS haben Leopold Banchini, Daniel Zamarbide und Angelo Renna (Bureau A) 2020 den öffentlichen Raum Rund um den Bahnhof Genf-Champel in einen Stadtwald verandelt. | Fotos: Dylan Perrenoud

EG Wir haben über Stadtplanung gesprochen, aber öffentliche Räume existieren auch ausserhalb davon. Ich denke an das Festival, für das du den Moon-Ra Pavillon gebaut hast: Dabei würde ich nicht nur das Gebäude als öffentlichen Raum bezeichnen, sondern auch den gesamten Entstehungsprozess: der Workshop, verschiedene Treffen und gemeinsame Abendessen der Beteiligten und die Struktur, die kollektiv entworfen wurde. Und später wurde selbst die Baustelle zu einem öffentlichen Raum. Ich glaube, das ist wahre Sensibilität in der Architektur: den Menschen zu begegnen, die bauen werden, statt dem Mythos der isolierten Architekt*innen nachzuhängen, die ihre Pläne verschicken und andere sie ausführen lassen.

Es geht darum, Beteiligung zu ermöglichen – nicht erst am Ende, sondern von Beginn an, vor der ersten Bauphase unter Einbeziehung der Menschen, die vor Ort sein werden, der vorhandenen Ressourcen, der Materialien. Das hat eine grosse kulturelle und politische Kraft: Diejenigen, die am Bau beteiligt sind, entwickeln eine Bindung zum Projekt. Das erklärt die Stärke dieser leichten, temporären Strukturen. Im Gegensatz zu einem Projekt, das «über Nacht» entsteht und das die Bewohnenden «am nächsten Morgen» entdecken, erleben sie die Entstehung mit, sehen das Projekt wachsen, tragen selbst dazu bei. Das hat nichts Koloniales, sondern ist geprägt vom Willen, den Ort und seine Geschichte zu verstehen und die Konstruktion darin zu verankern.

Der Moon Ra Pavillon wurde zwischen 2020 und 2021 für das Horst Arts & Music Festival in Vilvoorde in Belgien gebaut. Dazu wurden Materialien des Feathers Stage Pavillons des Fala Atelier wiederverwendet, der 2019 dort errichtet worden war. | Foto: Maxime Delvaux

Der Moon Ra Pavillon wurde zwischen 2020 und 2021 für das Horst Arts & Music Festival in Vilvoorde in Belgien gebaut. Dazu wurden Materialien des Feathers Stage Pavillons des Fala Atelier wiederverwendet, der 2019 dort errichtet worden war. | Foto: Maxime Delvaux

Der Moon Ra Pavillon wurde zwischen 2020 und 2021 für das Horst Arts & Music Festival in Vilvoorde in Belgien gebaut. Dazu wurden Materialien des Feathers Stage Pavillons des Fala Atelier wiederverwendet, der 2019 dort errichtet worden war. | Foto: Maxime Delvaux

LB Dem kann ich nichts mehr hinzufügen. Seit Beginn meiner Tätigkeit habe ich immer gesagt, dass Architektur politisch ist – sehr zum Missfallen vieler Architekt*innen, die beides strikt getrennt halten wollen. Natürlich macht Architektur nicht die Politik, aber wenn sie gelingen soll, muss sie in eine politische Logik eingebettet sein. Wir müssen uns all der Abhängigkeiten bewusst sein: Woher kommt das Geld? Wer baut? Für wen? Mit welchen Materialien? Und woher stammen diese? Diese Fragen wollte ich nie umgehen. Für mich bilden sie den Ursprung aller meiner Projekte. Sie entstehen niemals aus einer rein formalen Idee oder einer persönlichen Laune, sondern aus einem politischen Verständnis des Ortes: Wer sind die Akteur*innen? Wer wird den Raum nutzen? Welche Dynamiken wirken?

Das reicht weit über den Genius Loci hinaus, von dem die Modernist*innen sprachen. Es geht nicht nur um die Schönheit oder Atmosphäre eines Ortes, sondern um die politische Struktur, die ihn prägt. Der Erfolg eines Projekts misst sich selbstverständlich an seiner Nutzung. Aber er entscheidet sich ebenso im Prozess, für den die Beteiligung der Menschen zentral ist. Im öffentlichen Raum halte ich sie für unabdingbar.

Natürlich erzeugt das Konflikte – es wird immer jemanden geben, der sagt: «Das ist hässlich, das gefällt mir nicht.» Doch Spannungen gehören dazu.Deshalb liegen mir Formate wie Workshops oder Selbstbau besonders am Herzen. Nicht nur, weil ich gerne handwerklich arbeite, sondern weil sie emanzipatorisch wirken – als eine Form von Empowerment. Sie zeigen, dass die Bewohner*innen eine reale Rolle bei der Definition ihres Raumes spielen können, sowohl einzeln als auch kollektiv. Es beweist, dass man bauen kann, ohne Architekt*in zu sein, und eine aktive Position in der Produktion des öffentlichen Raums einnehmen kann. Diese Macht gehört nicht nur den Poli­tiker*innen oder den Planenden, die sie beauftragen, sondern ebenso den Bewohner*innen selbst.Die Erfahrungen der Selbstverwaltung – Gemeinschaftsgärten, besetzte Häuser, kollektive Baustellen – haben mich am stärksten geprägt. Wenn Menschen mitwirken, entwickeln sie eine tiefe Verbundenheit mit dem Ort. Das sind für mich die stärksten öffentlichen Räume. Und genau das versuche ich in meinen Projekten zu erzeugen. Im Laufe der Jahre und mit jedem Workshop gehen wir einen weiteren Schritt in diese Richtung. Du hast das Horst-Festival angesprochen: Wir haben dort zwei Pavillons gemacht. Bereits der erste war recht gross, aber der diesjährige hat über 1000 Quadratmeter.

EG Und der partizipative Prozess wird zu einer Art, die Projekte aufzuwerten.

LB Genau. Manche Architekt*innen vertreten die Haltung, dass in einem partizipativen Prozess nichts von den Architekt*innen entschieden werden dürfe und alles vollständig kollektiv zu erfolgen habe. Meine Sicht ist eine andere: Gewisse Aspekte müssen selbstverständlich mit allen Beteiligten diskutiert werden. Anschliessend braucht es jedoch eine sinnvolle Verteilung der jeweiligen Fachkompetenzen, um effizient arbeiten zu können. Partizipation ist übrigens viel weiter verbreitet, als man das meinen könnte. Wenn man beispielsweise ein Wohnhaus für jemanden baut und man als Archi­tekt*in Bewohner*innen ernst nimmt, ist man bereits in einem partizipativen Prozess. Man führt Gespräche mit ihnen, hört sich ihre Erwartungen an und antwortet darauf. Partizipative Prozesse müssen erst ab einer gewissen Projektgrösse bewusst durchgeführt werden. Allem voran, wenn Politik und Behörden die Archi­tekt*innen beauftragen. Für mich sollte Partizipation kein isoliertes Moment, kein separater Schritt im Entwurfsprozess sein. Bis zu einer bestimmten Grössenordnung kann die Architekt*in das sehr gut selbst übernehmen, ohne ein paralleles Beratungs- oder Mitwirkungsinstrument aufbauen zu müssen. Erst bei grossen städtebaulichen oder architektonischen Projekten wird ein Instrumentarium notwendig – aber, wie bereits mehrfach gesagt habe ich wenig Vertrauen in diese Formen der Planung.

Die Festivalteilnehmenden errichteten den Pavillon im Rahmen eines Workshops. | Foto: Leopold Banchini
Foto: Jeroen Verrecht

EG Zu denken, ein Architekt*in müsse sich gegenüber den Nutzer*innen durchsetzen, ist eine verstörende Vorstellung von Architektur und ein Missverständnis. Man baut schliesslich nicht für sich selbst, sondern für andere. Und wie du sagst, es gibt immer eine politische, kulturelle und soziale Dimension in der Architektur. Wer das vergisst, produziert lediglich Standard. Ich glaube, wir haben die Werkzeuge, um Partizipation bei Projekten aller Grössenordnung zu fördern, aber sie sind noch zu wenig etabliert.

LB Für mich ist alles eine Frage des Vertrauens. Und das gilt in jedem Massstab. Wir sind da, um zuzuhören und auf Bedürfnisse einzugehen. Gleichzeitig braucht es einen gegenseitigen Respekt der jeweiligen Expertise: Die Bewohner*innen sind diejenigen, die am besten wissen, wie sie leben wollen, und die Architekt*innen besitzen das notwendige Wissen, um diese Erwartungen räumlich zu übersetzen. Wenn dieses Vertrauen besteht, funktioniert es. Im grossen Massstab hingegen wird es viel schwieriger. Die Bewohner*innen haben kein Vertrauen in ihre Politiker*innen, und auch nicht in die von ihnen beauftragten Architekt*innen. Häufig verschliessen sich dann auch die Architekt*innen, wollen die Anliegen nicht mehr hören. Und das ist fast noch schlimmer. In vielen der grossen Konsultationsprozessen entsteht eine Illusion des Zuhörens, weil man den vielen, teils widersprüchlichen Stimmen nicht gerecht werden kann. Die Rahmenbedingungen sind komplex, Frustration unvermeidlich.

EG Vielleicht ist es deshalb wichtig, sehr früh zu kommunizieren und zu erklären, weshalb bestimmte Entscheidungen getroffen werden?

LB Absolut. Menschen von Anfang an einzubeziehen macht einen grossen Unterschied. Beim einem Wohnungsbauprojekt, das wir gerade realisieren, gab es bereits zwei Informationsveranstaltungen für die zukünftigen Bewohner*innen. Nächste Woche, wenn der Rohbau fertig ist, führen wir sie nochmals über die Baustelle. Das kommt nicht nur von uns, sondern auch von den Eigentümer*innen. Sie wollen die künftigen Mietenden einbeziehen. Die Baustelle gesehen und das Projekt verstanden zu haben, gibt ihnen ein erstes Gefühl der Zugehörigkeit.Gerade bei kleineren Projekten lässt sich dieses Vorgehen gut erproben. Manchmal übertrifft es sogar unsere Erwartungen. Ich denke an Bab al Bahrain, eines der ersten Projekte, die ich mit Noura el Sayeh realisiert habe. Wir sollten einen ungenutzten Bereich in einem Verkehrsraum überdachen und die Autos temporär umleiten. Kaum war das gemacht, wurde er innerhalb kürzester Zeit zu einem lebendigen öffentlichen Raum. Wir haben dort sogar Architekturvorträge organisiert, um urbane Projekte der Region vorzustellen. Mehrere Tausend Menschen kamen, oft Arbeiter*innen aus anderen Ländern, die nicht unbedingt verstanden, was gesagt wurde, aber sie waren da und nahmen teil. Leider wurde der Ort später wieder zur Strasseninfrastruktur. Aber für mich ist entscheidend, dass wir zeigen konnten, wie man mit wenigen Mitteln die Nutzung eines öffentlichen Raums verändern kann.

EG Ja, letztlich einfach nutzen und durch die Stadt gehen.

LB Manchmal reichen einfache Gesten. Aber ich glaube fest daran, dass die Menschen sie brauchen, um ihr Vorstellungsvermögen zu erweitern und um zu verstehen. Experimente, temporäre Interventionen – sie können neue Perspektiven öffnen.

EG Wir haben über Urbanismus, öffentliche Räume und Partizipation gesprochen. Könntest du weitere Projekte umreissen, die deine Ansätze gut veranschaulichen? Vielleicht beginnst du mit einem deiner jüngsten Projekte, wie dem Round About Bath für das Festival Concéntrico 2025?

LB Dieses Jahr gab es die 11. Ausgabe. Das Festival existiert also schon eine Weile. Lange war mir nicht bewusst, dass viele der kleinen urbanen Interventionen, die ich immer wieder sah und unglaublich spannend fand, alle in derselben Stadt stattfanden: Logroño. Als die Organisator*innen mir schrieben, entdeckte ich, dass alles auf die Initiative einer einzigen Person zurückgeht: Javier Peña Ibáñez. Später fand er Sponsoren und etwas Geld, aber noch immer hat das Festival eine sehr schlanke Struktur – fast eine One-Man-Show, die es geschafft hat, die Stadt zu transformieren. Besonders interessant ist ihre Philosophie: Alles ist temporär; nichts bleibt. Es sind reine Experimente. Vieles ist aber überzeugend und verursacht Begeisterung. Die Menschen fragen oft: Warum lassen sie die Installationen nicht länger stehen? Auch bei unserem Badprojekt wollten viele, dass es bleibt. Aber für das Festival ist es essenziell, dass alles wieder verschwindet. So ist es auch per Vertrag mit der Stadt geregelt. Das gibt Freiheit und hilft zu überzeugen: Weil alle wissen, dass es nicht permanent ist – macht es weniger Angst. Für die Bewohner*innen bietet es die Möglichkeit, ihre Stadt für ein verlängertes Wochenende anders zu sehen.

Tobias Madörin

Round About Baths war eine temporäre Installation für das Concéntrico Festival in Logroño im Jahr 2025. | Foto: Josema Cutillas

Round About Baths war eine temporäre Installation für das Concéntrico Festival in Logroño im Jahr 2025. | Foto: Josema Cutillas

EG Das Festival dauert also nur eine Woche?

LB Ja. Es ist kurz, ein bisschen verrückt sogar, aber genau dadurch funktioniert es. Es gibt zwei Typen von Projekten: einige stammen aus offenen Wettbewerben für junge Architekt*innen oder Studierende, andere sind Direktaufträge. Man bekommt einige mögliche Standorte, ein paar verfügbare Materialien, und dann legt man los. Ich brauche immer einen Ort, eine Einschränkung. Ich kann nicht arbeiten, wenn ich nicht diesen Ausgangspunkt habe. Es geht nicht einfach um Architektur, sondern darum, einen öffentlichen Moment zu schaffen, eine Erfahrung. In Logroño fielen mir beim Herumlaufen die grossen Strassen rund um das historische Zentrum auf. Dieses ist wunderschön, liegt auf dem Jakobsweg, hat den Fluss, … aber drumherum gibt es Haussmann-esque Boulevards mit mehreren Spuren für Autos – enorme Räume, völlig ungenutzt von Fussgänger*innen. Das fand ich spannend. Also schlug ich vor, einen davon zu besetzen – mit dem Brunnen in der Mitte, der unzugänglich war. Die Idee war, daraus ein öffentliches Bad zu machen, diesen Nicht-Raum zu reaktivieren und gleichzeitig an die Tradition von Gemeinschaftsbädern zu erinnern. Zuerst wollten wir einen klassischen runden Kreisverkehr nutzen, aber das Verkehrsamt sagte: Unmöglich. Es ist zu kompliziert, Fussgänger*innen dort hineinzubringen, selbst für ein paar Tage. Also fanden wir eine längliche Insel mit einem Fussgängerübergang und einem Brunnen am halbkreisförmigen Ende – zugänglicher, aber mit derselben Logik des Strassenraums. Die Idee war, möglichst wenig zu tun, mit dem Bestehenden zu arbeiten und einen Ort zu schaffen, an dem sich Menschen treffen konnten. Das Projekt entstand also unmittelbar aus der Situation heraus, indem wir den Brunnen mit minimalem Aufwand neu genutzt haben.

Foto: Josema Cutillas

Foto: Josema Cutillas

Foto: Josema Cutillas

Ich liebe Bäder. Für mich gehören sie zu den wirklichen öffentlichen Räumen, ähnlich wie die alten Pissoirs. Eines unserer ersten Projekte im öffentlichen Raum war in Zürich: Ein temporäres Pissoir, das zugleich eine Art Installation und Brunnen war. Es gibt eine ganze Reihe funktionaler Einrichtungen, die aus dem öffentlichen Raum verschwunden sind. Heute bevorzugt man leere Plätze, auf denen alles möglich sein soll – aber wo letztlich wenig geschieht. Öffentliche Bäder, Gemeinschaftsgärten, Pissoirs: Das sind Orte mit klaren Nutzungen, aber offen für alle. Und Bäder haben auch eine Geschichte. In Europa wurden sie im 19. Jahrhundert oft von Arbeitergenossenschaften initiiert, aus einer sozialen Logik, um allen ein Mindestmass an Hygiene zu ermöglichen. Diese historische Dimension interessiert mich sehr. Und dann gibt es die älteren Traditionen: die Hammams in den vom arabischen Einfluss geprägten Teilen Spaniens, die Sauna im Norden Europas und die schwule Cruisingkultur, die sich an Bäder und Saunen anlehnt. In Logroño dagegen schien die Idee öffentlicher Bäder fremd. Im Norden Spaniens gibt es kaum eine Kultur des kollektiven Badens. Die Bewohner*innen – insbesondere die älteren – sind eher prüde. Das gefiel mir – ein neues Programm einzuführen und vor allem einen brachliegenden Raum in einen genutzten, belebten zu verwandeln. Auch der Aspekt der Autos war wichtig: Im historischen Zentrum gibt es keine – es ist eine Fussgängerzone voller Leben, Terrassen und Tourist*innen. Doch sobald man auf die stark befahrenen Avenues tritt, sind diese viel weniger lebendig; es gibt weniger Cafés mit Aussensitzplätzen.

Tobias Madörin

In Zürich-West erstellte bureau A 2017 im Rahmen der Ausstellung «Common Ground» aus hellrosa portugiesischem Marmor ein temporäres, sechs Meter langes Pissoir. | Foto: James Batten

In Zürich-West erstellte bureau A 2017 im Rahmen der Ausstellung «Common Ground» aus hellrosa portugiesischem Marmor ein temporäres, sechs Meter langes Pissoir. | Foto: James Batten

Einen Ort des Wohlbefindens mitten im Verkehr zu schaffen, erzeugte Spannung. Das hat die Menschen am meisten beeindruckt: im warmen Wasser zu liegen, in Badekleidung, diese eigenwillige Intimität zu haben, während rings um einen herum Autos brausen – so nah und doch so fern. Das brachte viele dazu, über das Verhältnis von öffentlichem Raum und dem Auto nachzudenken.

Wir wollten zudem, dass es ein «echtes» öffentliches Bad wird, nicht einfach nur ein Planschbecken. Wir haben daher eine Art Parcours geschaffen: Eingangsbereich, Umkleide, ein Raum mit einem offenen Feuer und dann der Austritt in das tageslichtdurchflutete Becken. Das erzeugte einen Entfremdungsprozess: Im Inneren erkannten viele die Fontäne nicht wieder, obwohl sie täglich daran vorbeigehen. Dieses kleine, räumlich orchestrierte Ritual erzeugte ein Gefühl, an einem anderen Ort zu sein. Es funktionierte unglaublich gut.

Baulich war eine schnelle Montage und ein Re-Use der Materialien der Hauptfokus. Wir entschieden uns daher für eine Holzkonstruktion. Das Festival von einer Firma aus Veronija unterstützt, die Holzplatten herstellt. Wir haben sie nicht zugeschnitten, sondern lediglich mit einer wasserbasierten Farbe gestrichen und verschraubt. Nach dem Abbau wurden sie auf Paletten gestapelt und dieses Jahr für ein neues Projekt verwendet. Auch die Holzbalken der Tragstruktur wurden demontiert und eingelagert. Die Schräge, über die in der Regel das Wasser des Brunnens als flache Kaskade läuft, integrierten wir in den warmen Raum. Und die Gedenkplatte für den spanischen König, der den Brunnen eingeweiht hat, wurde zur Stufe am Eingang. Alles sollte aus dem Ort entstehen, nichts entfernt werden.

Der meist unbeachtete Raum im Inneren eines Kreisverkehrs wurde aktiviert, indem der vorhandene Brunnen temporär zum Pool umfunktioniert und mit Dampfsaunas ergänzt wurde. | Foto: Sara Cuerdo

Der meist unbeachtete Raum im Inneren eines Kreisverkehrs wurde aktiviert, indem der vorhandene Brunnen temporär zum Pool umfunktioniert und mit Dampfsaunas ergänzt wurde. | Foto: Sara Cuerdo

Der meist unbeachtete Raum im Inneren eines Kreisverkehrs wurde aktiviert, indem der vorhandene Brunnen temporär zum Pool umfunktioniert und mit Dampfsaunas ergänzt wurde. | Foto: Sara Cuerdo

EG Das Projekt blieb ungefähr eine Woche vor Ort. Aber wie liefen der Entwurf, die Vorbereitungen und das Bauen ab und wie lange dauerte es jeweils?

LB In ungefähr zwei Wochen war der Pavillon fertig. Dort waren es nicht Studierende im Rahmen eines Workshops, sondern ein lokaler Holzbauer, der die Umsetzung übernahm. Ich war vor Ort und half etwas mit. Wir machten Tests, aber insgesamt wurde professionell gebaut. Schwierig war, dass der Kreisel nicht gesperrt werden konnte. Es gab kaum Platz zum Arbeiten: Die Elemente mussten sehr schnell, fast im Vorbeigehen gesetzt werden. Insgesamt wurden in diesem Jahr im Rahmen des Festivals zwanzig Interventionen in zehn Tagen aufgebaut. Einige davon wurden von Schulen und Bewohner*innen mitgebaut. Ein sehr schönes Projekt war die Reaktivierung alter Strassenlaternen: Eine Elektrofachschule reparierte sie und daraus entstand eine grossartige Installation. Bei vielen der temporären Bauten waren also Laien beteiligt – aber bei meinem Projekt wurde alles von Profis gebaut.

EG Kannst du mir nun von deiner jüngsten Intervention beim Horst Festival erzählen – den Dark Skies?

LB Das Horst-Festival ist ein wunderbares Festival für elektronische Musik in Vilvoorde am Rand von Brüssel. Es wurde von jungen Architekt*innen gegründet. Von Anfang an wurde das Festival als öffentlicher Raum gedacht, der mehr ist als nur ein Musikereignis. Die Bühnen werden als architektonische Interventionen entworfen, nicht als rein technische Installationen. Und seit der Gründung werden sie in Zusammenarbeit mit Künstler*innen und Architekt*innen realisiert.

EG Es gab auch eine Installation von Fala, wenn ich mich richtig erinnere.

LB Es gab viele. Jedes Jahr machen zahlreiche Büros mit. Wir haben das Material von Fala für unser Projekt weiterverwendet. Aber diese Logik besteht seit Beginn: Atelier Bow-Wow und Assemble haben dort ebenfalls Installationen errichtet – eine ganze Generation von Architekt*innen, die solche kleinmassstäblichen Projekte lieben. Was das Festival besonders macht, ist die Atmosphäre. Die Budgets sind klein, also werden alle Interventionen im Rahmen von Workshops gebaut. Seit Anfang gibt es eine Community – junge Leute, die am Aufbau teilnehmen und im Gegenzug Tickets fürs Festival erhalten. Das schafft eine echte Gemeinschaft. Dieses Jahr gab es etwa 200 Workshop-Teilnehmer*innen, davon rund zwanzig in unserem Team. Das hält die Kosten des Festivals niedrig und ist zugleich eine Methode, um ein treues Publikum zu generieren.

Wir hatten bereits vor fünf Jahren einen Pavillon gebaut, der ursprünglich nur für ein Festival gedacht war, aber bis heute steht. In diesem Jahr haben wir gemeinsam mit dem Architekten Giona Bierens de Haan die grosse Bühne gestaltet für 4000 bis 5000 Personen. Schon früh war klar: Eine klassische Architektur für so viele Menschen würden wir nicht schaffen. Aber wir konnten mit Klang als primärem Material arbeiten. Also nicht eine Bühne, zu der später eine Anlage hinzukommt, sondern ein Raum, der von Anfang an als Klangarchitektur gedacht war. Das interessiert mich schon lange: Ich habe mehrere Soundsysteme entworfen und mit Studierenden dazu gearbeitet. Mich fasziniert die Möglichkeit, einen physischen Raum durch Klang zu definieren.Damit das funktioniert, mussten wir einen bekannten DJ gewinnen, der bereit war, sich auf das Experiment einzulassen. Die Szene ist nämlich sehr normiert: Bei grossen Festivals sind die Soundsysteme fast immer standardisiert, angemietet und schnell installiert – Experimente sind selten. Das Horst-Festival hat mitgespielt, und wir arbeiteten mit Zak Khutoresky (DVS1), einem DJ, der sich intensiv mit Club- und Sound-System-Design beschäftigt. Wir entwickelten das Projekt gemeinsam ab den ersten Skizzen.

Konkret wollten wir aus dem klassischen Schema ausbrechen: DJ vorne, Beschallung von links und rechts. Wir entwarfen stattdessen eine Art akustische Decke: ein System, das den Klang gleichmässig nach unten wirft. Der DJ konnte sich frei bewegen. Das Publikum erhielt überall dieselbe Klangintensität, ohne Hierarchie zwischen vorne und hinten. Das veränderte die Dynamik auf der Tanzfläche komplett: weniger Frontalität, die Menschen wandten sich einander zu, bildeten Gruppen, verloren manchmal den DJ aus dem Blick und konzentrierten sich auf die klangliche Erfahrung. Wir erzeugten einen intimen Raum trotz der grossen Dimension – 5000 Personen, die wirklich dieselbe Hörsituation teilten.

Die Struktur war etwa vier Meter hoch und die Lautsprecher in die Konstruktion integriert. Wir entwarfen zuerst die Klangebene mit den Techniker*innen und Zak, und entwickelten danach eine Holzstruktur, um sie zu tragen. Zusätzlich bauten wir akustische Reflektoren ein – alte Paneele, die eine Firma eingelagert hatte. Alles entstand aus der Logik des Wiedergebrauchs. Die Umsetzung war enorm ambitioniert. Alles wurde von jungen Laien gebaut, Architekt*innen, Designer*­innen und Musiker*innen. Sie arbeiteten in Teams von etwa zwanzig Personen über drei Wochen hinweg. Ein Team baute das Gerüst, ein anderes die Struktur, ein drittes den Innenraum mit den Lautsprechern.

Tobias Madörin

Die Klanginstallation Dark Skies entstand gemeinsam mit Giona Bierens de Haan Architectures und Helfer*innen für das Horst Arts & Music Festial 2025 in Vilvoorde. | Foto: Jeroen Verrecht

Die Klanginstallation Dark Skies entstand gemeinsam mit Giona Bierens de Haan Architectures und Helfer*innen für das Horst Arts & Music Festial 2025 in Vilvoorde. | Foto: Jeroen Verrecht

EG Hast du dazu eine Art Do it yourself-Anleitung entwickelt?

LB Ja genau. So verstehe ich unseren Beruf: Werkzeuge in die Hand geben, die eine Konstruktion einfach erklären und die zusammenbauenden Teams vor Ort begleiten. Aber es ging nicht nur um Technik: Man muss eine Atmosphäre schaffen, in der die Leute gerne arbeiten, sonst gehen sie. Es muss kollektiv sein, leicht und Spass machen. Am Ende kommen alle zurück, um in dem Pavillon zu tanzen, den sie selbst gebaut haben – voller Stolz auf ihre Arbeit. Das ist immer eine Herausforderung, aber der Prozess funktioniert sehr gut. Das Festival treibt diese Idee auf die Spitze: eine riesige Struktur zu bauen, fast ein öffentlicher Raum in extrem kurzer Zeit und mit Laien. Aber es gelingt – und es ist grossartig. Und es führt eine grössere Reflexion weiter: Für mich gehört der Klang zur Architektur. Nicht nur im kleinen Massstab, sondern auch in grossen öffentlichen Räumen. Er ist eine eigene räumliche Qualität.

Der Text wurde in Swiss Arc Mag 2026–1 veröffentlicht und von Jørg Himmelreich übersetzt. Bestellen Sie Ihr Exemplar hier.

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