Jüdisches Museum Schweiz
4051 Basel,
Schweiz
Veröffentlicht am 02. Juli 2026
Diener & Diener Architekten
Projektdaten
Basisdaten
Gebäudedaten nach SIA 416
Beschreibung
An der Vesalgasse 5 in Basel eröffnet sich für das Jüdische Museum der Schweiz ein neues Museumskapitel, in dem Architektur, Erinnerung und Kunst miteinander verschränkt werden. Diener & Diener Architekten haben einen Tabakspeicher von 1852 in einen Ort der Begegnung und Reflexion verwandelt. Die in ihrer Materialität bescheiden gehaltene, denkmalgeschützte Fassade des Holzgebäudes wurde zum Resonanzraum für eine Arbeit Frank Stellas, der wie kaum ein anderer Künstler kulturelle Erinnerung in ihrer Fragilitätsichtbar machte. Das Kunstwerk wurde zu einem integralen Teil der neuen Fassade.
Lage
Die Vesalgasse liegt in der Nähe des Spalentors, was geografisch den Übergang zwischen den Basler Quartieren Spalenvorstadt (Altstadt Grossbasel) und St. Johann markiert. Das bestehende Tabaklager von 1852 befindet sich im Hinterhof der Liegenschaft Spalenvorstadt 10. Die Fassaden liegen auf der Parzellengrenze. Die hölzerne Konstruktion des Gebäudes stützt sich zweiseitig auf die historischen Mauerstücke des früher hier befindlichen Klosters Gnadental. Von der Vesalgasse kommt man über einen auf dem universitären Nachbargrundstück liegenden Vorplatz zum Museumsgebäude, das hinter dem Zufahrtstor zum Hinterhof seine Türen öffnet, welcher die offizielle Adresse Vesalgasse 5 trägt.
Denkmalschutz
Die äussere Erscheinung war nach denkmalpflegerische Vorgabe zuerhalten. Die historische Westfassade war vor Jahren samt Fenster komplett ersetzt worden. Position und Grösse der Fenster der Renovation mussten heute übernommen, die Fassadenschalung jedoch dem Erscheinungsbild der erhaltenen historischen Fassaden im Hinterhof angeglichen werden. Innen ist das Gebäude aufgrund der neuen Nutzung durch geeignete bauphysikalische und brandschutztechnische Massnahmen ertüchtigt worden.
Raumprogramm
Für Sammlungs- und Wechselausstellungen, Werkstatt-und Veranstaltungsräume, Bibliothek und Büro stehen 750 Quadratmeter Fläche zur Verfügung. Die neuen Ausstellungsflächen erstrecken sich vom Erd- bis ins 2. Obergeschoss.
Das leicht zu wandelnde Erdgeschoss dient Wechselausstellungen und Events. Es ist mit dem Empfang, einer Garderobe und Kasse ausgestattet. Die Facilities füllen zusammen mit dem Aufzug den Raum hinter einer extern genutzten Autorgarage. Die offen gestalteten Büros der Leitung und der Mitarbeitenden, eine Küche und ein Besprechungsbereich befinden sich im 1. Obergeschoss und erstrecken sich über das Hauptgebäude hinaus in die Nebengebäude. So wird der winkelförmige Grundriss geschickt genutzt. Der klar zugeschnittene Hauptteil des Tabaklagers ist der Ausstellung vorbehalten. Schulklassen werden auch im pädagogischen Atelier im Dachgeschoss empfangen, das mit bequemen Möbeln ausgestattet ist. Die ebenfalls direkt unter dem Dach installierte Lüftungstechnikzentrale bleibt für das Publikum unhörbar und unsichtbar.
Tragwerk
Die Aufgabe, die hölzerne Struktur des denkmalgeschützten Gebäudes weitgehend zu belassen und zu ertüchtigen, löste der Bauingenieur Jürg Conzett von Conzett Bronzini Partner aus Chur. Im 2. Obergeschoss ersetzte er die mittig bestehenden Stützenreihe durch zwei Reihen über den bestehenden Stützen in EG und 1. Obergeschoss.
Conzett gelang es, die bestehende Holzstruktur trotz der höheren Belastung zu aktivieren. Das hölzerne Tragwerk der Aussenwände ruht im Erdgeschoss zweiseitig auf einem alten Mischsteinmauerwerk. Ostseitig besteht ein mit Ziegeln ausgemauertes Holzfachwerk und hofseitig ein hölzerner Unterzug mit Stützen. Im 1. Obergeschoss ist das Holzfachwerk an der West-und Nordseite durch Ziegelausmauerungen verstärkt, ansonsten eine Holzfachwerkkonstruktion.
Das historische Rofen-/ Sparrendach weist im Dachgeschoss ein später hinzugefügtes Sprengwerk zur Verstärkung auf. Im 2. Obergeschoss befindet sich der historische Dachstuhl mit einem zu den Seiten verzogenem Sprengwerk. Die dort ehemals mittig angeordneten Stützen sind zur besseren Abtragung der neuen Lasten der Installationen im Dachgeschoss entfernt und durch neue Stützen und Unterzüge der bestehenden zweireihigen Struktur der unteren Geschosse ersetzt worden. Die dreischiffige Grundstruktur der Anordnung der Tragstützen wird bis zur neu ausgebildeten Bodenplatte im Erdgeschoss fortgeführt.
Als Erdbebenertüchtigung sind an den Giebelfassaden je Geschoss zwei Stahlbänder innen und aussen seitig der Tragstruktur umgesetzt worden, um jedes Geschoss unter- und miteinander zu «verklammern» und mit der Bodenplatte zu verankern.
Erschliessung
Für die Schaffung einer offenen Raumbeziehung zwischen den Ausstellungen in den unterschiedlichen Geschossen war der Bau einer offenen Holztreppe ausschlaggebend. Beides schien zuerst nicht realisierbar. Zur gefundenen Lösung der Erschliessungsfrage gehörende zentralisiert ausserdem eine Fluchtwegtreppe und eine Aufzuganlage.
Fassade
Aussenseitig war das denkmalgeschützte Tabaklager mit Holzbrettern und -latten verschalt, aber nur noch im Osten original. Die Aussenhülle wurde neu isoliert, wo nötig erneuert und verstärkt. Die Fassade zum Vorplatz wurde in ihrem einfachen Aufbau und mit ihren später eingefügten Fenstern akzeptiert, farblich und in der Textur aber an die originalen Fassadenteile angeglichen. Die Dachkonstruktion wurde teilweise erneuert und mit den bestehenden Bieberschwanzziegeln wiedereingedeckt. Aufgrund der neuen Nutzung des Gebäudes und der Lage der Aussenwände auf den Parzellengrenzen, mussten die Giebelfassaden brandschutztechnisch ertüchtigt werden. Die bestehende historische Holzverschalung Ost 1:1 und die neue Westfassade sind davor montiert worden. Das 8,5 x 5,75 Meter grosse Reliefs von Frank Stella aus Lärchenholz wurde in Ölfarbtönen zweifach gestrichen. Für seine Hängung wurde die Tragstruktur an der Westfassade durch Pfosten verstärkt. Das Dach wurde abgedeckt, um die über die Jahrhunderte entstandene Setzungsverformungen am Material zu beheben sowie neu auszudämmen und anschliessend mit den bestehenden Bieberschwanzziegel wieder einzudecken. Die bestehenden Dachflächenluken wurden durch isolierte Fenster ersetzt und in den Nebendachflächen durch vier Fenster zwecks natürlicher Belichtung ergänzt.
Kunst
Frank Stellas (1936–2024) Serie Polish Villages, inspiriert von Fotografien und Zeichnungen der im Zweiten Weltkrieg zerstörten hölzernen Synagogen Polens, bildet die Grundlage der künstlerischen Intervention an der Fassade. Das Relief Jeziory wurde an der Vesalgasse, und damit einem mit der Stadtgeschichte verflochtenen Ort, in die architektonische Gegenwart übersetzt: als monumentales, zugleich schwebend wirkendes Frontispiz über dem Eingang zum Museum. Stellas Entscheidung von 1973, für seine Werkgruppe einfache Materialien wie Filz, Karton und Sperrholz zu verwenden, war eine bewusste Abkehr vom industriellen Gestus der Pop-Art. Sie verweist auf vorindustrielle Handwerklichkeit – ebenso wie die Holzsynagogen selbst, die den jüdischen Gemeinden Osteuropas einst als «Häuser Gottes» dienten. In der Basler Umsetzung wird dieses Prinzip aufgegriffen.
In enger Zusammenarbeit wurde das Relief aus bemaltem Holz gefertigt. Die fein abgestimmten Farbnuancen tragen weder den Glanz der Gegenwart noch den Staub der Vergangenheit allein, sondern halten beides in einem Spannungsverhältnis. Die künstlerische Geste ist mehr als ein Zitat. Sie öffnet ein Tor zu den verlorenen Architekturen desweit verstreuten Judentums und zu den Erfahrungen von Zerstörung und Erinnerung, die das 20. Jahrhundert geprägt haben. In Stellas Arbeiten, so schrieb der Kunsthistoriker Mark Godfrey, sehen Betrachter*innen ihre eigenen instabilen Positionen als Analogie zu der Zerstörung, auf die ihre Titel hindeuten. Im Hofraum des Museums hebt sich das Relief wie eine Supraporte. Der Hof führt ins Museum und lässt zugleich innehalten und verweilen. So wird der Ort, an dem sich Basels erste jüdische Gemeinde im 13. Jahrhundert niederliess, neu lesbar: nicht als museale Kulisse, sondern als lebendiger Raum, in dem Architektur und Kunst für die Flüchtigkeit und die Kraft von Erinnerung sprechen. Die Zusammenarbeit von Diener & Diener mit Frank Stella kann als eine empathische Geste gelesen werden – als Versuch, Geschichte nicht nur darzustellen, sondern erfahrbar zu machen. Schönheit, Ergriffenheit und die Wunden der Vergangenheit verdichten sich in dieser Arbeit zu einer Verbindung von Stadt und Erinnerungskultur.
Das Projekt wurde im Zusammenhang mit der Ausstellung zur architekTOUR Basel 2026 von Diener & Diener angelegt und von Jørg Himmelreich publiziert.