Renovation Fotostudio Frei
79576 Weil am Rhein,
Schweiz
Veröffentlicht am 27. August 2026
studio ne GmbH
Projektdaten
Basisdaten
Gebäudedaten nach SIA 416
Beschreibung
Herzog & de Meuron realisierten 1981–1982 in Weil am Rhein für den Werbefotografen Rolf Frei ein Fotostudio. Der unter dem Namen Fotostudio Frei und mit der Projektnummer 014 bekannt gewordene Bau zählt zu den frühen Schlüsselwerken von Herzog & de Meuron und fand schon bald internationale Beachtung.
Zugleich ist es ein Haus für die Fotografie: ein präzise konstruierter Raum für Licht, Schatten und Inszenierung. Architektur wird hier zum Instrument der Fotografie. Mit der Zeit geriet das Gebäude zunehmend in Vergessenheit und entging nur knapp dem Abriss. Von 2023 bis 2025 wurde es durch das Basler Architekturbüro studio ne umgebaut und für eine neue, vielfältige kulturelle Nutzung transformiert.
Bereits im ursprünglichen Entwurf zeigen sich Themen, die für die spätere Arbeit von Herzog & de Meuron prägend werden sollten: die Verwendung einfacher Materialien, das Interesse an Oberflächen und Alterungsprozessen, die präzise Lichtführung sowie die Verbindung von Konstruktion, Raumwirkung und bildhafter Erscheinung.
Das Fotostudio steht in Friedlingen, einem von Wohnhäusern, Gewerbebauten und Verkehrsinfrastrukturen geprägten Stadtteil nahe der deutsch-schweizerischen Grenze. Das Bauen in der Peripherie war zu Beginn der 1980er-Jahre ein wichtiges Thema der Architekturdebatte. Das Fotostudio kann als exemplarische Auseinandersetzung mit diesem heterogenen, alltäglichen Kontext gelesen werden.
Das Bestandsgebäude
Ausgangspunkt des Projekts war ein alleinstehendes Altbauhaus an der Strasse mit einem verwilderten Garten auf dem rückwärtigen Grundstück. Das Fotostudio wurde als langgestreckter Baukörper hinter dem bestehenden Haus errichtet und durch einen verglasten Korridor mit diesem verbunden.
Der Bau besteht aus zwei Teilen: einer grosszügigen, trapezförmigen Fotohalle mit ansteigendem Dach sowie einer vorgelagerten, niedrigeren Raumschicht mit Büros und Nebenräumen. Das Zusammenspiel von Grundriss und Dach erzeugt einen perspektivisch zugespitzten Innenraum. Zwei Holzleimbinder tragen die Dachkonstruktion und die exakt ausgerichteten Oberlichtaufsätze.
Die Anforderungen des Fotografen Rolf Frei waren klar: Das einfallende Nordlicht sollte im Studio schattenfreies Tageslicht erzeugen, ein Hohlkehlen-Hintergrund einen fliessenden Übergang zwischen Wand und Boden ermöglichen, und drei Teams sollten gleichzeitig sowie unabhängig voneinander fotografieren können. Die Oberlichter gliedern die Fotohalle entsprechend in drei Arbeitsbereiche. Die räumliche Organisation folgt damit unmittelbar den Arbeitsabläufen des Fotostudios.
Das Gebäude wurde als Holzkonstruktion errichtet und mit bewusst einfachen Materialien verkleidet. Der Bürotrakt erhielt eine horizontale Holzschalung, das Studio überlappende Sperrholzplatten und eine grossflächige Verkleidung aus Bitumenbahnen. Hartholzdetails schützen die Plattenkanten und betonen die zugespitzte Geometrie des Baukörpers.
Wechselnde Nutzungen
Rolf Frei arbeitete im Fotostudio mit bis zu 17 Mitarbeitenden. Zu seinen Auftraggebern gehörten unter anderem Porsche und Vitra. Für einzelne Aufnahmen wurde die Fotohalle mit Wasser geflutet, um Autos auf einer spiegelnden Oberfläche zu inszenieren.
Seit 1982 hat das Gebäude unterschiedliche Nutzungen aufgenommen. Nach der Zeit als Fotostudio von Rolf Frei wurde es gewerblich durch zwei Firmen genutzt und diente unter anderem dem Messe- und Ladenbau. Später entstand ein Handwerks- und Gemeinschaftsbetrieb mit Schreinerei, Elektroinstallation, Bodenlegerei und Glaserei. Eine Umnutzung zur Tanzschule wurde zwar beantragt, jedoch nicht genehmigt.
Auch ein Wohnneubau war geplant, wurde jedoch nie realisiert. Für dieses Vorhaben hätte das Fotostudio abgebrochen werden müssen. Der drohende Abriss konnte durch das Eingreifen der Denkmalpflege verhindert werden. Schliesslich beauftragte ein privater Bauherr studio ne mit der Instandsetzung und Reaktivierung des Gebäudes, das heute kulturell genutzt wird.
Transformation
Zwischen 2023 und 2025 wurde das denkmalgeschützte Fotostudio durch studio ne umgebaut und für eine neue, vielfältige kulturelle Nutzung transformiert. Ziel war keine gestalterische Erneuerung, sondern eine behutsame Aktivierung und Öffnung des Gebäudes.
Ausbleibende Massnahmen zum Substanzerhalt und spätere Einbauten hatten zu einer Verschlechterung des Zustands geführt. Besonders betroffen waren die exponierten Bauteile der Gebäudehülle. Das Dach wurde neu abgedichtet und die Bitumenbahnen wurden ersetzt. An den Fassaden konnten die vorhandenen Bitumenbahnen hingegen weitgehend erhalten und nur punktuell ausgebessert werden.
Im Innenraum wurden spätere Einbauten entfernt. Die weissen Wandflächen und die von Hohlkehlen gefasste Seite des Studios geben dem Raum seine ursprüngliche Klarheit zurück. Dabei ging es nicht um die Rekonstruktion eines idealisierten Originalzustands, sondern darum, die vorhandenen räumlichen, materiellen und atmosphärischen Qualitäten erneut sichtbar zu machen.
Eingegriffen wurde dort, wo neue Anforderungen an Nutzung, Sicherheit, Zugänglichkeit, Brandschutz und Fluchtwege dies notwendig machten. Die Massnahmen wurden punktuell und differenziert ausgeführt, sodass sie die bestehende architektonische Wirkung nicht überlagern.
Die zukünftige Nutzung bleibt bewusst offen. Das Gebäude kann Ausstellungen, Vorträge und unterschiedliche kulturelle Veranstaltungen aufnehmen. Seine ursprüngliche räumliche Anpassungsfähigkeit wird damit zum Ausgangspunkt einer neuen öffentlichen Nutzung.
Eine eigenständige Intervention bildet das Untergeschoss. Während die oberen Räume ihre bestehende Atmosphäre weitgehend bewahren, wurde das Kino im Untergeschoss in Anlehnung an Verner Panton als Gegenwelt gestaltet. Der kontrastierende Eingriff ist als neue Zeitschicht lesbar, ohne mit dem historischen Bestand in Konkurrenz zu treten.
Bewusste Anpassungen
Der Bestand wurde als architektonisches und historisches Zeitzeugnis gelesen. Schadhafte Bauteile wurden instand gesetzt, ergänzt oder, wo notwendig, ersetzt. Spätere Einbauten wurden entfernt, um die ursprüngliche räumliche Klarheit wieder sichtbar zu machen.
Die Eingriffe beschränken sich auf notwendige, präzise und differenzierte Massnahmen. Anforderungen an Nutzung, Sicherheit, Zugänglichkeit und Brandschutz wurden in den Bestand integriert. Gleichzeitig wurden neue Nutzungen ermöglicht, ohne die Räume dauerhaft funktional festzuschreiben. Das Untergeschoss wurde als eigenständige zeitgenössische Zeitschicht interpretiert, während das vormals private Gewerbegebäude als kultureller und öffentlicher Ort reaktiviert wurde.
Was bewusst nicht gemacht wurde
Alterung, Abnutzung und Gebrauchsspuren wurden nicht grundsätzlich entfernt. Dem Bestand wurde keine neue formale Ordnung überlagert, und das Haus wurde nicht auf einen vermeintlich makellosen Originalzustand zurückgeführt.
Das Gebäude sollte weder musealisiert noch als unveränderliches Objekt konserviert werden. Auf eine demonstrative architektonische Handschrift der neuen Eingriffe wurde deshalb weitgehend verzichtet.
Architektonische Fragestellung
Die Transformation des Fotostudios Frei berührt eine zentrale Frage der aktuellen Architekturdebatte: Wie lässt sich ein Schlüsselwerk weiterbauen, ohne es museal stillzustellen, und wie viel Veränderung ist notwendig, damit sein Erhalt gesellschaftlich relevant bleibt?
Das Projekt versteht Denkmalschutz und Transformation nicht als Gegensätze. Erhalten wird nicht allein die materielle Substanz, sondern auch die Fähigkeit des Gebäudes, neue Nutzungen aufzunehmen. Das Fotostudio bleibt als frühes Werk von Herzog & de Meuron erkennbar, wird jedoch nicht auf seine architekturhistorische Bedeutung reduziert.
Weiterbauen bedeutet hier weder Rekonstruktion noch gestalterische Selbstbehauptung. Es ist eine präzise Arbeit an Konstruktion, Materialität und Atmosphäre. Der Bestand bleibt der Massstab, während neue Anforderungen als weitere Schicht seiner Geschichte lesbar werden.
So beginnt für das Fotostudio ein neues Leben: nicht als abgeschlossenes Denkmal, sondern als offenes Gebäude für kulturelle Nutzung, Austausch und Öffentlichkeit.
Das Projekt wurde vom studio ne für die Projects 2026-Ausstellung im Rahmen der architekTOUR Basel hochgeladen und von Jørg Himmelreich publiziert.