Studio India: Bamboo Artisan Center
394680 Ukai, Tapi District, Gujarat,
Indien
Veröffentlicht am 08. Juli 2026
Universität Liechtenstein School of Architecture
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026
Projektdaten
Basisdaten
Beschreibung
Im Wintersemester 2025 kooperierte das Studio India der Fachgruppe Urbanismus, Architektur und Gesellschaft der Liechtenstein School of Architecture mit der indischen NGO Center for Indian Bamboo Resource and Technology (CIBART) im westindischen Bundesstaat Gujarat. Unter der Leitung von Anna Heringer und Daniel Haselsberger sowie mit Unterstützung der gebürtigen Inderin und Architektin Isha Haselsberger entwickelten zwanzig Architekturstudierende aus Bachelor- und Masterstudiengängen Entwürfe für ein Ausbildungszentrum für Bambus-Handwerkende aus benachteiligten indigenen Gemeinschaften im Tapi-Distrikt. Folgende Studierende haben teilgenommen: Selinay Ada, Edanur Bayram, Michèle Bühler, Stefanie Dünser, Zäzilia Maria Frager, Noa Karoline Gierer, Lucy Kalmarczie, Ramon Kobras, Nihan Motur-Basaran, Eva Müller, Magdalena Nachbaur, Yasemin Öztürk, Aleksandra Pupovac, Philippa Pusch, Melanie Rümmele, Diego Squires, Tugba Tan, Seyda Ünalan, Kader Ünsal und Lourdes Leal Heredia.
Die Entwurfsaufgabe basierte auf einer kritischen Auseinandersetzung mit Fragen des Postkolonialismus und der internationalen Zusammenarbeit. Im Zentrum stand die Frage, wie natürliche Materialien wie Bambus und Lehm so eingesetzt werden können, dass sie dauerhaft, konstruktiv leistungsfähig und gesellschaftlich akzeptiert sind. Gleichzeitig galt es, ein klar definiertes Raumprogramm mit Schulungs-, Ausstellungs-, Lager- und Materialbearbeitungsflächen sowie Wohnräumen für die Handwerkenden in einen funktionalen und identitätsstiftenden Gesamtentwurf zu integrieren.
Methodisch verband das Studio architektonischen Entwurf mit Feldforschung und experimentellen Gestaltungsansätzen. Die Analyse des Ortes erfolgte durch das Studium von Klimadiagrammen, ethnografische Interviews, teilnehmende Beobachtung sowie intensive Auseinandersetzung mit der lokalen Baukultur. Während eines Workshops in Gujarat arbeiteten die Studierenden gemeinsam mit Handwerkenden der indischen NGO CIBART, sammelten praktische Erfahrungen im Umgang mit Bambus und besuchten vernakuläre Bauten und unterhielten sich mit Bewohner:innen. Der direkte Austausch vor Ort schuf ein erweitertes Verständnis für Material, Konstruktion, Klima und gesellschaftliche Zusammenhänge.
Eine besondere Rolle spielte die experimentelle Entwurfsmethode des Claystorming. Anstelle eines unmittelbaren Einstiegs über Zeichnungen oder CAD entwickelten die Studierenden ihre räumlichen Ideen zunächst mit Ton – sowohl individuell als auch in Gruppen. Dieser haptische Entwurfsprozess stärkte das Zusammenspiel von Kopf und Hand, Analyse und Intuition und eröffnete neue Zugänge zur Formfindung. Obwohl tragwerksplanerische Konzepte, konstruktive Details und Materialverbindungen sorgfältig ausgearbeitet wurden, blieb dieses sinnliche Entwerfen während des gesamten Projekts prägend. Dieser Ansatz spiegelte sich auch in den Plänen wider, die bewusst mit Handzeichnungen und atmosphärischen Collagen gestaltet wurden.
Die Zusammenarbeit mit der realen Partnerorganisation CIBART machte den Entwurfsprozess zu einem transdisziplinären Lernfeld, in dem architektonische, handwerkliche, soziale und kulturelle Perspektiven zusammengeführt wurden. Dadurch entstand nicht nur eine vertiefte Expertise im Umgang mit Bambus und Lehm, sondern auch ein reflektiertes Verständnis internationaler Zusammenarbeit. Das Projekt verstand sich ausdrücklich nicht als Wissenstransfer vom Globalen Norden in den Globalen Süden, sondern als gegenseitiger Wissensaustausch. Die Studierenden lernten von lokalen Bauweisen in einem subtropischen Klima sowie von Strategien der Suffizienz und Ressourcenschonung. Gleichzeitig setzte sich das Studio kritisch mit den eigenen Privilegien auseinander und verstand Architektur als gemeinschaftlichen Prozess, um den Herausforderungen von Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit gemeinsam zu begegnen.
Architektur als Brücke – Lernen über Grenzen hinweg
Die Besonderheit dieses Studios liegt darin, den eigenen Horizont zu erweitern und bewusst die vertraute Perspektive zu verlassen. Indem wir uns mit einem anderen kulturellen, sozialen und klimatischen Kontext auseinandersetzen, lernen wir nicht nur diesen besser kennen, sondern gewinnen zugleich einen neuen Blick auf unseren eigenen. Erst im Vergleich werden viele Annahmen über das eigene Bauen, Wohnen und Leben sichtbar und hinterfragbar.
Gerade in einer Zeit, in der weltweit immer mehr Ressourcen in Aufrüstung und Abschottung investiert werden, setzt dieses Studio einen bewussten Gegenakzent. Anstelle von Abgrenzung stehen Zusammenarbeit und gegenseitiges Lernen im Mittelpunkt. Globale Herausforderungen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit oder soziale Ungleichheit lassen sich nicht nur innerhalb nationaler Grenzen lösen. Sie erfordern ein gemeinsames Verständnis unserer Verantwortung als Weltgemeinschaft.
Dabei versteht sich das Studio nicht als einseitiger Wissenstransfer vom globalen Norden in den globalen Süden. Vielmehr geht es um eine bilaterale Wissensproduktion, bei der beide Seiten voneinander lernen. So bietet der indische Kontext die Möglichkeit, Strategien eines ressourcenschonenden Lebensstils kennenzulernen oder traditionelle und zeitgemässe Bauweisen für heisse Klimazonen zu untersuchen. Ebenso entstehen durch den Austausch neue Impulse für die Projektpartner*innen vor Ort.
Die Wahl Indiens als Studiokontext ist dabei kein Zufall. Sie gründet auf der langjährigen persönlichen und professionellen Verbindung des Dozierenden Daniel Haselsberger mit Indien. Gemeinsam mit seiner indischen Partnerin – und ebenfalls Architektin – Isha betreibt er den gemeinnützigen Verein Arch Aid, der nachhaltige Initiativen in Indien durch die Planung baulicher Infrastruktur unterstützt. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf dem Einsatz regenerativer Baustoffe. Eine ähnliche Verbindung hat auch Anna Heringer, die sich bereits seit vielen Jahren im benachbarten Bangladesch engagiert und für ihre Projekte bereits mehrfach ausgezeichnet wurde.
Aus der engen Verknüpfung von gemeinnütziger Praxis und akademischer Lehre entsteht eine Win-win-Situation: Die Studierenden arbeiten mit realen Projektpartner:innen an konkreten Projekten, wodurch die Arbeit im Studio eine unmittelbare Wirksamkeit erhält und eine besondere Motivation schafft. Gleichzeitig profitieren die Dozierenden und Projektpartner*innen vom Studio als Think Tank. Die Studierenden erarbeiten Analysen, Konzepte und Ideen, für deren Entwicklung im NGO-, Vereins- und Büroalltag häufig die zeitlichen und personellen Ressourcen fehlen würden. So entsteht ein gegenseitiger Lernprozess, der Forschung, Lehre und gesellschaftliches Engagement miteinander verbindet und Architektur als Werkzeug des kulturellen Austauschs und der nachhaltigen Entwicklung versteht.
Das Projekt der Universität Liechtenstein School of Architecture wurde im Rahmen des Swiss Arc Award 2026 in der Kategorie Next Generation eingereicht und von Nina Farhumand publiziert.