Jury-Interview zum Arc Award 2026

Veröffentlicht am 02. Oktober 2026 von
Jørg Himmelreich

Harald Echsle brachte Jury und Redaktion das Radiostudio Brunnenhof in Zürich näher, das spillman echsle architekten sorgfältig saniert und in eine Schule umgenutzt haben. | Foto: Jørg Himmelreich

Harald Echsle brachte Jury und Redaktion das Radiostudio Brunnenhof in Zürich näher, das spillman echsle architekten sorgfältig saniert und in eine Schule umgenutzt haben. | Foto: Jørg Himmelreich

Harald Echsle brachte Jury und Redaktion das Radiostudio Brunnenhof in Zürich näher, das spillman echsle architekten sorgfältig saniert und in eine Schule umgenutzt haben. | Foto: Jørg Himmelreich

Ende Juli brach eine sechsköpfige Equipe zur Juryreise für den Swiss Arc Award 2026 auf. Die zweitägige Exkursion umfasste 15 Besichtigungen und führte Roger Boltshauser, Remo Derungs, Ludovica Molo, Dominique Salathé sowie Jørg Himmelreich und Mina Faas von der Swiss Arc Redaktion von Genf bis nach Arbon. Die minutiös geplante Tour de Suisse ermöglichte der Jury, zahlreiche Anwärter*innen auf die diesjährigen Swiss Arc Awards persönlich kennenzulernen. Trotz straffem Programm boten die Etappen viele Gelegenheiten, sich auszutauschen, die Projekte wirken zu lassen und in einen grösseren Kontext einzuordnen. Die Redaktion hat versucht, die gesammelten Eindrücke, geführten Debatten und gewonnenen Erkenntnisse – natürlich in Aus-zügen – mit diesem Interview abzubilden.

Jørg Himmelreich Ein Preis wie der Arc Award, der vor allem Haltungen auszeichnen will, braucht Kriterien. Welche hattet ihr in diesem Jahr besonders im Fokus – und welche Aspekte habt ihr bei der Wahl der Gewinner*innen neben der Nachhaltigkeit am häufigsten diskutiert?

Dominique Salathé Uns hat dieses Jahr die Frage nach dem räumlichen Reichtum und der Diversität der Bauten interessiert. Die Diskussion um einen sinnvollen Umgang mit Ressourcen setzt neue Möglichkeiten frei. Die Aufgabenbereiche sind breiter und schwieriger abgrenzbar. Sehr oft haben wir diskutiert, zu welcher Kategorie ein Gebäude gehört – ist eine Umnutzung eher relevant als ein Umbau oder in seiner typologischen Ausformulierung als Beitrag zum Wohnen und so weiter ... Aber es ist uns bewusst, dass die Kriterien unscharf sind – und wir haben grossen Respekt vor der Vielzahl und Ambition der eingegebenen Arbeiten. Wir wissen alle aus eigener Erfahrung wieviel es braucht, damit alle Faktoren zusammenklingen und eine Bauaufgabe zu einer exemplarischen Qualität findet. Deshalb auch die Wichtigkeit die nominierten Projekte vor Ort zu begehen und in ihrer konkreten räumlichen Wirkkraft zu überprüfen.

Thibault Yersin vom Architekturbüro Bard Yersin Architectes stellte der Jury das Projekt Umnutzung Bauernhof vor, einen ehemaligen Bauernhof in Vuisternens-devant-Romont. | Foto: Jørg Himmelreich

Thibault Yersin vom Architekturbüro Bard Yersin Architectes stellte der Jury das Projekt Umnutzung Bauernhof vor, einen ehemaligen Bauernhof in Vuisternens-devant-Romont. | Foto: Jørg Himmelreich

Thibault Yersin vom Architekturbüro Bard Yersin Architectes stellte der Jury das Projekt Umnutzung Bauernhof vor, einen ehemaligen Bauernhof in Vuisternens-devant-Romont. | Foto: Jørg Himmelreich

Wenn ihr auf die aktuellen Einreichungen schaut: Welche Bauaufgabe erzählt im Moment am ehrlichsten vom Zustand der Schweiz und der Schweizer Architektur?

Remo Derungs Aus meiner Sicht steht die Bauaufgabe des «Umbauens, Weiterbauens und Bauens im Bestand» gesamtschweizerisch zunehmend im Fokus. Die Schweiz ist weitgehend gebaut – die zukünftigen Aufgaben liegen daher vor allem in der Sanierung, der Weiterentwicklung und der Verdichtung des bestehenden Gebäudebestands. Dieses Aufgabenfeld wird die Architektur und das Bauen in den kommenden Jahren wesentlich prägen.

Eine Qualität eurer Jury ist, dass ihr mitunter kontrovers diskutiert. Gab es in diesem Jahr Projekte oder Aspekte, bei denen ihr euch grundlegend uneinig wart – und woran hat sich dieser Dissens entzündet?

Ludovica Molo Ja, durchaus. Wir diskutieren intensiv und manchmal auch kontrovers – während der Auswahl ebenso wie auf den Reisen, wenn wir die Projekte vor Ort erleben. Die unterschiedlichen Einschätzungen entzünden sich oft an der Frage, was ein Projekt für uns besonders relevant und preiswürdig macht. Natürlich sind die Auszeichnungen am Ende auch ein Aushandlungsprozess. Aber genau das macht für mich einen grossen Teil des Reizes aus.

Wir teilen eine ähnliche Ausbildung, arbeiten aber unter sehr unterschiedlichen Bedingungen und in verschiedenen Regionen der Schweiz. Dadurch bringen wir unterschiedliche Perspektiven auf die Baukultur mit. Letztlich suchen wir aber alle nach konsequenten und präzisen Projekten, die sich mit den Fragen unserer Zeit auseinandersetzen und uns zum Weiterdenken bringen – jenseits von Sprache, Ausdruck und Dimension.

Was uns verbindet, sind gegenseitiger Respekt, die Bereitschaft zuzuhören und eine grosse Leidenschaft für Architektur. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum wir am Ende immer wieder zusammenfinden – und warum dieser Austausch so bereichernd ist.

Christian Inderbitzin von EMI Architekt*innen zeigte, wie mit der Renovation des Theaters Winterthur die Architektur von Frank Krayenbühl behutsam auf Stand gebracht wurde. | Foto: Jørg Himmelreich

Christian Inderbitzin von EMI Architekt*innen zeigte, wie mit der Renovation des Theaters Winterthur die Architektur von Frank Krayenbühl behutsam auf Stand gebracht wurde. | Foto: Jørg Himmelreich

Christian Inderbitzin von EMI Architekt*innen zeigte, wie mit der Renovation des Theaters Winterthur die Architektur von Frank Krayenbühl behutsam auf Stand gebracht wurde. | Foto: Jørg Himmelreich

Zeichnet sich mit der gestalterischen Aktivierung von Solarpanelen, Lehm oder Re-Use-Elementen ein neuer Kanon der zeitgenössischen Schweizer Architektur ab? Und zeigen die Einreichungen zugleich, dass aus Wohnungsknappheit, Verdichtung, steigenden Baukosten und Klimadruck auch architektonische Freiheit oder ein neues gestalterisches Potenzial entstehen kann?

Roger Boltshauser Aufgrund des Klimawandels und des Verdichtungsdrucks haben sich in der Architektur neue Strategien etabliert. Dabei geht es jedoch weniger darum, grundsätzlich anders oder ausschliesslich klimabewusst zu bauen. Vielmehr rücken Fragen der Identität und des Umgangs mit dem Bestand ins Zentrum. Die Bandbreite reicht von identitätsstiftenden Re-Use-Elementen bis hin zur Transformation von Geschäftshäusern in Wohnhäuser. Dem Bestand wird mit grosser Sorgfalt begegnet, und aus diesen Transformationsprozessen entstehen immer wieder spannende neue architektonische Antworten.

Wie kann eine Jury Lebenszyklus-CO2, graue Energie und Re-Use ernst nehmen, ohne am Ende nur noch Tabellen statt Architektur zu bewerten?

DS Wir haben im Rahmen der Jurierung kaum die Möglichkeit, Zahlen und Berechnungen im Detail zu verifizieren. Auch fehlt die Zeit für eine vertiefte Auseinandersetzung mit diesen Parametern. Mindestens ebenso wichtig – wenn nicht wichtiger – als Kennzahlen sind für uns die Nutzbarkeit sowie die räumliche Qualität eines Bauwerkes.

Die räumliche und strukturelle Konfiguration eines Gebäudes überdauert kurzfristige Berechnungen in der Regel um ein Vielfaches. Jede Transformation bedeutet einen Eingriff in eine bestehende Lebenswelt und in eine konkrete Situation. Deshalb versuchen wir abzuschätzen, inwiefern ein Projekt einen übergeordneten Beitrag zu einer Verbesserung einer baulichen Konstellation leistet und zugleich zukunftsfähig ist. Selbstverständlich ist dabei ein sparsamer Umgang mit Ressourcen und die Weiter- beziehungsweise Wiederverwendung bestehender Bausubstanz ein wesentlicher Aspekt. Die effizienteste Form des Bauens ist in den meisten Fällen die Weiternutzung eines bestehenden Gebäudes.

Jil Ehrat vom Atalier NU erläuterte, wie mit cleveren Grundrissen beim Eckhaus auf die lärmbelastete Situation im Zentrum von Dietikon reagiert wurde. | Foto: Jørg Himmelreich

Jil Ehrat vom Atalier NU erläuterte, wie mit cleveren Grundrissen beim Eckhaus auf die lärmbelastete Situation im Zentrum von Dietikon reagiert wurde. | Foto: Jørg Himmelreich

Jil Ehrat vom Atalier NU erläuterte, wie mit cleveren Grundrissen beim Eckhaus auf die lärmbelastete Situation im Zentrum von Dietikon reagiert wurde. | Foto: Jørg Himmelreich

Alle schwitzen: Habt ihr unter den Einreichungen Ansätze zur Hitzeminderung, Biodiversität und Verbesserung der Freiraumqualität gesehen, die nicht nur technisch, sondern auch atmosphärisch und architektonisch überzeugen – und wo gingen diese Ebenen eher auseinander?

RB In Barcelona werden aktuell ganze Strassenzüge aufgebrochen und neu mit Grünbestand bestückt. Dabei werden die alten Beläge wiederverwendet und zu Parkmöblierungen und Unterständen umfunktioniert. Auch in der Schweiz sind die Prozesse längst angeschoben worden. Bitumenbeläge werden durch poröse Pflasterbeläge ersetzt, neu gepflanzte Bäumen spenden Schatten wie auch grosszügig angelegte Dächer, die zum Verweilen im Aussenraum anregen. Ein schönes Beispiel dafür ist die neue Platzgestaltung bei der Klosteranlage Mariastein, die wir im Rahmen der Juryreise besucht haben. In Barcelona wie auch in der Schweiz führen die Themen der Hitzeminderung zu mehr Grün, weniger Verkehr und mehr Aufenthaltsqualität – eine echte Chance für die Stadträume.

Doris Wälchli führte durch das ehemalige Bürogebäude Normandie in Genf, welches Brauen Wälchli Architectes in Wohnraum verwandelt haben. | Foto: Jørg Himmelreich

Doris Wälchli führte durch das ehemalige Bürogebäude Normandie in Genf, welches Brauen Wälchli Architectes in Wohnraum verwandelt haben. | Foto: Jørg Himmelreich

Doris Wälchli führte durch das ehemalige Bürogebäude Normandie in Genf, welches Brauen Wälchli Architectes in Wohnraum verwandelt haben. | Foto: Jørg Himmelreich

Wenn man auf die Themen schaut, die aktuell den Diskurs bestimmen – Klima, Kreislaufdenken, Bestandstransformation, Biodiversität und digitale Werkzeuge – wie gut führen die Hochschulen aktuell an diese Themen heran, wenn ihr die Arbeiten der Kategorie «Next Generation» als Massstab nehmt? Und andersherum gefragt: Wo gibt es in der Lehre derzeit Defizite?

LM Architekturschulen waren schon immer vitale Orte der Forschung, des Austauschs und des Experiments. Heute ist das Spektrum der Themen und Disziplinen, die dort untersucht und vertieft werden können, breiter denn je. Neben den drängendsten Fragen unserer Zeit beschäftigen sie sich auch mit Geschichte, typologischer Forschung, technischen Innovationen und neuen Materialien. Bei all dem sollte es aber vor allem darum gehen, gute Architektur zu verstehen und zu entwerfen.

Was meiner Meinung nach an vielen Schweizer Hochschulen nicht ausreichend berücksichtigt wird, ist die städtebauliche und territoriale Dimension des Entwerfens. Ich meine damit nicht eine Frage der Grösse oder des Massstabs, sondern eine Haltung: Architektur immer auch aus ihrem städtischen und territorialen Zusammenhang heraus zu denken. Es gibt keine gute Architektur ohne eine präzise Auseinandersetzung mit dem Ort und die Ambition, ihn durch den Eingriff zu stärken und weiterzuentwickeln.

Diese Verankerung gibt dem Projekt historische Kontinuität und eine kollektive und politische Relevanz. Sie bedeutet auch Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft und den kommenden Generationen – eine Verantwortung, die unser Beruf meiner Meinung nach immer in sich tragen sollte.

Bei sommerlichen Temperaturen war der Rundgang über den neugestalteten Klosterplatz Mariastein von Atelier Ehrenklau Hemmerling eine willkommene Erfrischung. | Foto: Jørg Himmelreich

Bei sommerlichen Temperaturen war der Rundgang über den neugestalteten Klosterplatz Mariastein von Atelier Ehrenklau Hemmerling eine willkommene Erfrischung. | Foto: Jørg Himmelreich

Bei sommerlichen Temperaturen war der Rundgang über den neugestalteten Klosterplatz Mariastein von Atelier Ehrenklau Hemmerling eine willkommene Erfrischung. | Foto: Jørg Himmelreich

Gab es in diesem Jahr Projekte, die erst auf den zweiten Blick richtig überzeugt haben?

RD Es gibt Projekte, die sich durch einen hohen Grad an Komplexität auszeichnen. Wenn dabei nicht nur die technisch-funktionalen Aspekte massgebend sind, sondern ebenso die räumlichen und atmosphärischen Qualitäten eine zentrale Rolle spielen, erschliesst sich die Qualität des Gesamtprojekts oft erst auf den zweiten Blick – oder bei einer Besichtigung vor Ort.

Die Jury

Roger Boltshauser

ist Inhaber der Büros Boltshauser Architekten in Zürich sowie Boltshauser Architektur in München. Er ist Professor an der ETH Zürich und Mitglied des Baukollegiums Berlin.

Remo Derungs

ist Inhaber von gasser, derungs Innenarchitekturen in Zürich und Chur. Aktuell ist er Präsident der VSI.ASAI. und Professor an der Scuola universitaria professionale della Svizzera italiana in Mendrisio. Zusammen mit Carmen Gasser Derungs führt er zudem das Gelbe Haus in Flims.

Ludovica Molo

ist Direktorin des Istituto Internazionale di Architettura in Lugano und Mitinhaberin des studio we in Lugano. Von 2016 bis 2024 stand sie als Präsidentin dem Bund Schweizer Architekten BSA vor.

Dominique Salathé

ist Inhaber des Architekturbüros Salathé Architekten in Basel. Seit 2004 ist er Professor am Institut Architektur an der FHNW und unterrichtete als Gastdozent an der ETH Lausanne.

Der Text wurde in Swiss Arc Award Mag 2026–4 erstveröffentlicht. Bestellen Sie Ihr Exemplar hier.

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