Anna-Seiler-Haus – Inselspital Bern

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3000 Bern,
Schweiz

Veröffentlicht am 13. April 2026
GWJ Architektur AG + ASTOC ARCHITECTS AND PLANNERS GmbH Architects & Planners + IAAG Architekten AG + Studio Banana SA
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026

Städtebaulicher Kontext Haupteingang Aussenraum mit wechselnden Perspektiven auf die Stadt Bern Aussenterrasse Eingangshalle mit Kunst am Bau Silouhette von Bern Luftaufnahme Campuskontext – Synergien zwischen Gebäuden und Freiraum

Projektdaten

Basisdaten

Lage des Objektes
Freiburgstrasse 20, 3000 Bern, Schweiz
Projektkategorie
Fertigstellung
08.2023
Links

Gebäudedaten nach SIA 416

Stockwerke
11 bis 20
Anzahl Kellergeschosse
2
Grundstücksfläche
7046 m²
Geschossfläche
82'000 m²
Nutzfläche
41'000 m²
Gebäudevolumen
333'000 m³
Gebäudekosten (BKP 2)
670,0 Mio. CHF
Anzahl Arbeitsplätze
2000
Parkplätze
101
Anzahl Betten
532

Beschreibung

Ein lebendiges Quartier und hohe Aufenthaltsqualität statt monotoner Funktionalität – das neue Hauptgebäude Anna-Seiler-Haus des Inselspitals Bern wurde im August 2023 fertiggestellt. Das 1354 gegründete Inselspital ist ein medizinisches Kompetenzzentrum mit internationaler Bedeutung auf einer Anhöhe bei Bern, das nach einem 2015 beschlossenen Masterplan weiterentwickelt wird. Aufgabe war es, die Bruttogeschossfläche bei gleicher Grundfläche im laufenden Spitalbetrieb zu verdoppeln. Neben architektonischen Fragen spielten auch die prozessuale und logistische Durchdringung, Umsetzung und Durchführung eine grosse Rolle. Der sechzehngeschossige Neubau bildet als Herzstück – auch Coeur d’Île genannt – den weit sichtbaren Hochpunkt des Inselspitals.Das Gebäude gibt eine einfache Antwort auf eine komplexe Aufgabenstellung. Dank der klaren Gebäudestruktur mit zwei Haupterschliessungskernen und zwei Innenhöfen können sich Besucher*innen bereits beim Eintreten in das Gebäude gut orientieren. Die gute Orientierung im Gebäude bleibt Hauptthema und ist auf allen Ebenen gewährleistet. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Blickbeziehungen sowohl zu den Atrien als auch zum Stadt- und Landschaftsraum, die überwiegend natürliche Belichtung, die Materialwechsel beim Übergang zwischen unterschiedlichen Funktionsbereichen wie auch die konsequente Signaletik.

Der Neubau im Minergie-P-ECO-Passivhausstandard ist als „Stadt in der Stadt“ organisiert, deren Grad an Privatsphäre mit den Geschossen zunimmt. Zentrales Gestaltungsthema für die räumliche Organisation des mit 82 000 Quadratmetern den Dimensionen eines Stadtquartiers vergleichbaren Gebäudes ist das Prinzip: Meine Stadt, mein Quartier, meine Strasse, mein Zuhause. Grundlage der Konzeption waren die Funktionsabläufe und Bewegungsmuster von Patientinnen, Mitarbeiter*innen und Besucher*innen. Das Foyer ist als zentraler Empfang der erste Anlaufpunkt für die Patientinnen. Zwei Erschliessungskerne und Innenhöfe bieten hier eine übersichtliche Orientierung. Darüber befinden sich die Behandlungs- und OP-Etagen sowie die Intensivstationen. Die Pflegegeschosse in den oberen Geschossen empfangen die Patient*innen mit wohnlichen Ankunftszonen und Aufenthaltsbereichen. Als warm wahrgenommene Materialien und Farben, haptisch angenehme Oberflächen und grandiose Sichtbezüge in die umgebende Stadtlandschaft schaffen ein Gefühl von «Zuhause» und einen menschlichen Massstab im dynamischen Betrieb eines Universitätsspitals – mit dem Herz- und Gefässzentrum sowie einer Vielzahl an Fachkliniken unter einem Dach.

Das Anna-Seiler-Haus ist der modernste Spitalbau der Schweiz – und zugleich ein Gegenentwurf zum verbreiteten Paradigma flacher, pavillonartig gegliederter Spitalanlagen. Die These des Projekts: Auf einem verdichteten, seit über 650 Jahren kontinuierlich betriebenen innerstädtischen Spitalcampus ist das Hochhaus nicht Notlösung, sondern die architektonisch und betrieblich überlegene Antwort. Die Ausgangslage liess keinen anderen Schluss zu. Das Areal grenzt an die UNESCO-Welterbe-Altstadt Berns, ist von bestehenden Klinikbauten, Infrastrukturkorridoren und öffentlichen Strassenräumen eingefasst. Eine horizontale Erweiterung um 82 000 Quadratmeter BGF hätte lange, tageslichtlose Korridore, Zimmer zu Servicehöfen und betrieblich untragbare Distanzen zwischen den Funktionsbereichen erzeugt. Die vertikale Verdichtung auf 18 Geschosse und 63,3 Meter Höhe kehrt diese Nachteile um: Jedes Patientenzimmer liegt an der Fassade, jeder Korridor endet an einem Fenster, jede Pflegestation verfügt über eine begrünte Terrasse mit Blick auf Stadt, Jura und Alpen.

Entscheidend ist, dass das Gebäude trotz seiner Dimension kein isoliertes Objekt bleibt, sondern sich in das städtische Geflecht einbindet. Vier oberirdische Passerellen verbinden den Neubau direkt mit dem Intensiv-, Notfall- und Operationszentrum INO sowie dem Kinderspital Julie-von-Jenner-Haus. Das Erdgeschoss öffnet sich zum öffentlichen Wegnetz des Campus und wahrt die fussgängerische Durchlässigkeit. Das Spital funktioniert nicht als geschlossene Institution, sondern als durchlässiger Teil der Stadt. Im Innern folgt die räumliche Organisation dem Prinzip einer vertikalen Stadt: Öffentliche Eingangshallen als Plätze, Behandlungsgeschosse als funktionale Zentren, Pflegestationen als Quartiere mit eigenen Ankunftszonen, Aufenthaltsbereichen und ruhigen Zimmergassen. Der Grad an Privatheit nimmt mit den Geschossen zu. Diese Lesart ist kein nachträgliches Narrativ, sondern war Entwurfsgrundlage – abgeleitet aus den Bewegungsmustern und Funktionsabläufen von Patient*innen, Mitarbeiter:innen und Besucher*innen. Das Anna-Seiler-Haus ist der erste Spitalbau der Schweiz mit Minergie-P-Eco-Zertifizierung. Die Tragstruktur mit 18 Meter tiefen Raumschichten entlang der Fassaden ermöglicht die Umnutzung klinischer Bereiche ohne bauliche Eingriffe in die Primärstruktur. Das Projekt wurde termingerecht am vorab definierten Datum übergeben – sechs Jahre nach Baubeginn, trotz COVID-19-Pandemie und Lieferkettenunterbrüchen infolge des Ukraine-Kriegs – und im Kostenrahmen von CHF 670 Millionen realisiert. Grundlage dafür war der integrale Einsatz von Building Information Modelling und Lean Construction über alle Disziplinen. Für ein Bauvorhaben dieser Komplexität – 532 Betten, 3254 Räume, Bau im laufenden Spitalbetrieb – ist diese Termin- und Kostentreue eine eigenständige Leistung.

Das Projekt von GWJ Architektur wurde im Rahmen des Swiss Arc Award 2026 eingereicht und von Nina Farhumand publiziert. 

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