Collège Rousseau
1209 Genf,
Schweiz
Veröffentlicht am 01. April 2026
Burckhardt Architektur AG
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026
Projektdaten
Basisdaten
Gebäudedaten nach SIA 416
Beschreibung
Das denkmalgeschützte Gymnasium, 1969 von Alain Ritter erbaut, ist ein bemerkenswertes Zeugnis des Brutalismus. Aufgrund des Gebäudezustands war jedoch eine vollständige Sanierung notwendig wie auch eine Erweiterung, um den gestiegenen Schülerzahlen gerecht zu werden. Heute ist das Gymnasium mit 30 neu geschaffenen Unterrichtsräumen für rund 1000 Lernende und Lehrkräfte ein zeitgemässer Lernort.
Kontinuität und Fortschritt
2018 gewann Burckhardt den Architekturwettbewerb mit einem Vorschlag, der Kontinuität betont und dennoch mit ihr bricht: Von aussen schreibt die Aufstockung die bestehende Fassade mit ihrem prägnanten Relief aus Betonfertigteilen so fort, dass sie erst auf den zweiten Blick erkennbar wird. Im Innern jedoch gibt sie sich als eine leichte und lichte Holzkonstruktion zu erkennen, die eine warme Atmosphäre schafft.
Lesbare Fassade
Weit zurückgesetzt von der Strasse, eingebettet zwischen nüchternen Wohnhochhäusern im Norden und Süden sowie einer kleinteiligen Struktur aus freistehenden Mehrfamilienhäusern im Osten und Westen, ruht der Bau auf dem abfallenden Grundstück. Charakteristisch sind die strenge Gliederung und die rechteckige Form mit einem zentralen Innenhof. Die Organisation des Gebäudes lässt sich an der Fassade ablesen: In den beiden verglasten Sockelgeschossen sind die Verwaltungsräume untergebracht. In den darüberliegenden Geschossen befinden sich die Unterrichtsräume, die als mineralischer Block über den Sockel auskragen.
Helle und offene Räume
Auch wenn der Grundriss des neuen Stockwerks gleich bleibt, ist das Raumerlebnis neu: Die Geschosshöhe ist grosszügiger, das Holz bewusst sichtbar. Dank zweier Oberlichter profitieren die Treppen vom Tageslicht. Grundrisse und Räume orientieren sich um diese natürlichen Lichtquellen. Mit der neu eingerichteten Cafeteria im Erdgeschoss gelingt es, die Offenheit zu schaffen, die Architekt Alain Ritter in seinem ursprünglichen Entwurf vorgesehen hatte. Nicht nur während der Pausen wird die Cafeteria als ein Ort der Begegnung und des informellen Lernens genutzt.
Respektvoller Umgang
Die Aufstockung war nicht nur eine gestalterische Entscheidung, sondern auch eine im Sinne der Nachhaltigkeit. So konnte auf die Versiegelung weiterer Flächen verzichtet werden. Zudem begrenzt das Aufeinanderstapeln die Infrastruktur und rationalisiert die technischen Anlagen. Kürzere Verteilungswege vermeiden Last- und Wärmeverluste.
Die leichte Holzkonstruktion reduziert die zusätzlichen statischen Belastungen auf ein Mass, das der Bestand ohne erhebliche Verstärkungen tragen kann. Der minimalinvasive Ansatz sparte nicht nur Kosten, sondern ist auch Teil einer nachhaltigen Wirtschaftsstrategie.
Optimierte Energiebilanz
Die Aufstockung erreicht sehr hohe Energieeffizienzziele (THPE), die historischen Teile das Ziel einer Minergie-Renovierung. Diese differenzierten Massnahmen verbessern den Gesamtenergieverbrauch erheblich und respektieren gleichzeitig den Denkmalwert des Gebäudes.
Digitalisierung der Planung
Obwohl vom Bauherrn nicht vorgeschrieben, erfolgten Sanierung und Aufstockung als BIM-Projekt. Es wurde eine vollständige Erstvermessung des bestehenden Gebäudes in Form von Punktwolken, einer Art 3D-Scan, durchgeführt und durch eine digitale 180°-Fotovermessung mit dem Matterport-Tool ergänzt. Durch den Abgleich der so erhobenen Informationen war es möglich, ein präzises BIM-Modell des Bestands zu erstellen.
LEAN Construction
Der Einsatz von Arbeitsmethoden aus der LEAN Construction in der Zusammenarbeit von Architektinnen und Technikern hat sich angesichts der Komplexität der Abläufe einer Schulbaustelle mit laufendem Betrieb als besonders effizient erwiesen: Für lärmintensive Arbeiten etwa liessen sich deckungsgleich mit den Schulferien mehrere Phasen und Mikrophasen bestimmen und einhalten.
Was ist das Besondere an der Bauaufgabe?
Das Collège Rousseau besitzt bemerkenswerte architektonische und denkmalpflegerische Qualitäten. Aufgrund des Gebäudezustands war jedoch eine vollständige Sanierung der historischen Substanz notwendig wie auch eine konsequente Modernisierung und Erweiterung. Ausgehend von diesen Zielen haben wir einen Vorschlag für Kontinuität erarbeitet: Die Aufstockung mit einer Holzstruktur und der Fortführung der bestehenden Fassade auf diesem neuen Stockwerk.
Welche Überlegungen liegen diesem Projekt zugrunde?
Aufgrund des Gebäudezustands und der gestiegenen Schülerzahlen initiierte der Kanton Genf als Bauherr einen Architekturwettbewerb zur vollständigen Sanierung und Erweiterung des Collège Rousseau in Genf. 2018 gewann Burckhardt Architektur den Architekturwettbewerb mit einem Vorschlag, der Kontinuität betont und dennoch mit ihr bricht: Von aussen schreibt die Aufstockung die bestehende Fassade mit ihrem prägnanten Relief aus Betonfertigteilen so fort, dass sie erst auf den zweiten Blick erkennbar wird. Im Innern jedoch gibt sich die Intervention als eine leichte und lichte Holzkonstruktion zu erkennen, die eine warme Atmosphäre schafft.
Was war Ihre Inspiration?
Unser Ziel war es, die Qualitäten des Bestands hervorzuheben und zu verstärken.
Im Laufe der Zeit und Nutzung wurden beim Collège Rousseau die ursprünglich angedachte räumliche Klarheit und Offenheit zunehmend eingeschränkt. Beispielsweise durch das Einziehen einzelner Trennwände oder durch die Erweiterung der Bibliothek. Unser Ziel war es, diese ursprünglichen Qualitäten wieder sichtbar zu machen. Dank unseres übergeordneten und ganzheitlich gedachten Gestaltungskonzept konnte die von Alain Ritter angedachte räumliche Klarheit wiederhergestellt werden: Die Bibliothek wurde beispielsweise in das untere Erdgeschoss verlegt, die Cafeteria in das obere Geschoss verlagert und der Patio als Terrasse aktiviert. Heute zeigen sich wieder klare räumliche Bezüge sowie offene und fliessende Übergänge.
Wie fügt sich das Gebäude in die Reihe der bisher realisierten Bauten Ihres Büros?
Dieses Projekt gehört zu den ersten bedeutenden denkmalpflegerischen Sanierungen des 20. Jahrhunderts, die wir umgesetzt haben. Auf diesen Erfahrungen basierend, entwickeln wir derzeit zwei wichtige Renovations- und Erweiterungsprojekte für Primarschulgebäude aus den 1960er und 1980er-Jahren. Zudem arbeiten wir an anspruchsvollen Renovierungsprojekten ikonischer Bauwerke moderner Genfer Architekten sowie an Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert. Die Bandbreite dieser Projekte reicht von der Umnutzung ehemaliger Bürogebäude zu Wohnräumen bis hin zur sorgfältigen Restaurierung historischer Substanz.
Die Renovation und der Erhalt bestehender Bauten sind zentrale Aspekte unserer Arbeit. Ein aktuelles Beispiel ist die im Januar 2026 fertiggestellte Musikschule in Reinach bei Basel, wo wir ein schlichtes Bürogebäude aus den 1980er-Jahren in eine Musikschule umgestaltet haben. Dabei folgten Umbau und Sanierung dem Prinzip: minimaler Rückbau, maximaler Einsatz regenerativer, recycelter und vorhandener Materialien und Bauteile.
Das Projekt von Burckhardt Architektur AG wurde im Rahmen des Swiss Arc Award 2026 eingereicht und von Jeannine Bürgi publiziert.