Liturgisches Mobiliar für die Kirche St. Anna

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8834 Schindellegi,
Schweiz

Veröffentlicht am 15. April 2026
Frédéric Dedelley, Product Design
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026

Chorbereich Chorbereich Taufstein Ambo Kreuz Osterkerze Sedilien Aussenansicht Findling in Samstagern Vom Findling zum Altar Abholung der im Rheintal-Gebiet ausgewählten Steine Vorbereitungsarbeiten bei der Firma Schmitt Natursteinwerk AG In enger Zusammenarbeit zwischen Designer und Handwerker wurden die Steine schrittweise in Möbel verwandelt. Die Schnittflächen wurden stufenweise bis zum gewünschten Glanzgrad poliert. Lieferung und Installation der tonnenschweren Möbel

Projektdaten

Basisdaten

Lage des Objektes
Kirchweg 1, 8834 Schindellegi, Schweiz
Projektkategorie
Fertigstellung
12.2023
Links

Beschreibung

Verbindung zwischen Neobarock und Heute, Künstlichkeit und Landschaft
In der Gegend um Schindellegi sind zahlreiche Findlinge gestrandet. In Anlehnung an den Fels als religiöses Symbol haben die Innenarchitekt*innen drei erratische Blöcke aus dem Rheintal ausgewählt und daraus Altar, Ambo und Taufstein erarbeiten lassen. Und zwar so, dass geschliffene, polierte Flächen auf rohen, naturbelassenen Stein treffen und das barocke Spiel der organischen und geometrischen Formen weiterführen. Aber während man im Barock eine Gegenwelt zur Natur anstrebte, wird in diesem Konzept die reale Natur gezähmt und in Geometrie verwandelt. Einfache, sachliche Formen zeichnen Sedilien, Kreuz und Kerzenständer aus, welche das liturgische Mobiliar ergänzen. 
Der neugestaltete Chorraum der neobarocken Kirche St. Anna lebt nun ganz vom Kontrast zwischen jubelndem Überfluss und ruhiger Schlichtheit.

Ausgangslage
Die vom Architekten August Hardegger im neubarocken Stil geplante Kirche St. Anna sitzt auf einer Erhöhung im Zentrum von Schindellegi. Dank dieser Situation wird sie den ganzen Tag von natürlichem Licht durchflutet. Der schlichte weisse Innenraum und die hellen Kirchenfenster kontrastieren stark mit der barocken Farbigkeit der üppig dekorierten Altäre aus der Werkstatt von Anton Sigrist. Der ganze Innenraum strahlt Feierlichkeit und Heiterkeit aus. 

Bezug zur Religion
So wie der Architekt August Hardegger mit seinem Entwurf für die Kirche St. Anna Bezug auf die barocken Kirchen der Region nahm, wollten wir in unserem Projekt den geografischen Kontext berücksichtigen. Dabei bezogen wir uns nicht auf einen Stil, sondern auf das geologische Phänomen der erratischen Blöcke, die im Voralpenraum ein prägendes Element der Landschaft sind. An der Strasse zwischen Samstagern und Schindellegi steht ein prächtiges Exemplar eines solchen Findlings, welches eine weitere Inspiration für unser Projekt darstellte.
Die Innenarchitekt*innen schlugen vor, die neuen liturgischen Möbel der Kirche St. Anna aus solchen Natursteine zu gestalten. Diese sind oft aus schwarzem Kalkstein und wurden vor Millionen von Jahren durch Gletscher von den Alpen ins Unterland transportiert. 
Mit wenigen, präzis gesetzten Schnitten haben wir diese Steine in Möbel verwandelt, wobei weite Teile der rohen Steinoberfläche unangetastet blieben. Damit interpretierten wir barocke gestalterische Prinzipien neu und schuffen eigenständige Gegenstände, die im Dialog mit der historischen Substanz stehen. 

Funktion und Symbolik
Ein weiterer Ansatzpunkt für den Entwurf der neuen liturgischen Möbel war die Verbindung von Funktion und Symbolik, wie sie seit Jahrhunderten in der katholischen Kirche zelebriert wird.

Altar: In Anlehnung an den Felsen, auf den Christus seine Kirche erbaut hat (1 Kor 10,4), werden Altäre seit dem Mittelalter oft als monolithische Blöcke aus Naturstein konzipiert. Die Autor*innen knüpften für den neuen Altar an diese Tradition an und interpretierten diese Typologie in Verbindung mit barocken Gestaltungsprinzipien neu.

Ambo: Der Ambo ist der erhöhte Ort, von dem aus die biblischen Lesungen oder das Evangelium vorgetragen werden. Das «Hinaufsteigen» findet eine Erklärung in einem Wort des Propheten Jesaia: «Steige auf einen hohen Berg, Zion, du Botin der Freude» (Jes. 40,9). Man steigt zu dem erhöhten Ambo, um den Menschen das Kommen des Erlösers zu verkünden. Mit einem Stein kann der Ursprung des Ambo deshalb sehr gut symbolisiert werden.

Taufstein: Weil der Taufstein neu im vorderen Bereich der Kirche stehen sollte und dadurch visuell mit Altar und Ambo in starker Verbindung stehen würde, schlug das Team von Frédéric Dedelley vor, den Taufstein ebenfalls neu zu gestalten. Die frühesten bekannten freistehenden Taufsteine sind auf dem Boden stehende Monolithen, oft mit Reliefs, Ornamenten oder Figurinen kunstvoll verziert. Bei diesem Entwurf übernimmt die rohe Steinoberfläche den Part der Verzierungen von historischen Taufsteinen.

Das Projekt wurde vom Atelier Frédéric Dedelley für den Swiss Arc Award 2026 eingereicht und von Jørg Himmelreich publiziert.

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