Die Referenten des Arc Afterworks in Zürich hielten ein Plädoyer für hybride Konstruktionen

Veröffentlicht am 01. April 2026 von
Jørg Himmelreich

Um klimaverträglich zu bauen, dürfen Bauteile und Materialien nicht isoliert betrachtet werden. Konstruktionssysteme müssen hinsichtlich ihrer CO2-Bilanzen ganzheitlich bewertet werden. Dabei zeigt sich, dass neben Holz, Lehm, Stroh und anderen natürlichen sowie lokal verfügbaren Materialien insbesondere hybride Konstruktionen besonders gut abschneiden – selbst dann, wenn sie auch Beton und Stahl integrieren. Beim Afterwork in der Giesserei in Zürich Oerlikon am 20. März 2026 berichteten vier Experten von ihren Erfahrungen und Forschungen und stellten realisierte Bauten sowie aktuelle Projekte mit hybriden Konstruktionen vor.

Arc Mag Chefredaktor Jørg Himmelreich und Philipp Scheidegger, CEO von Inforpro Digital Schweiz führten in den Abend ein. | Fotos Johnathan von Ah
Rund 100 Gäste aus Architektur und Planung folgten der Einladung und diskutierten in der Giesserei Oerlikon über klimaschonendes Bauen.

In der Schweizer Architektur macht sich eine neue Freude am Kombinieren breit. Immer mehr Gebäude treten mit materieller und ästhetischer Vielfalt sowie gestalterischer Reichhaltigkeit in Erscheinung. Bau­teile werden als «Charaktere» ausformuliert, ohne dass die Gebäude collagiert wirken. Statt leisen, subtilen Arien gleicht die zeitgenössische Architektur zunehmend einem kraftvollen Kanon. Dies entspricht einer sich wandelnden Wahrnehmung davon, von wem und wie Architektur geschaffen wird: weg vom Mythos der Meister-Architekt*in, hin zu einem Verständnis von Architektur als Teamarbeit. Entsprechend treten auch Bauteile und Materialien mehr denn je als Gefüge in Erscheinung – als sichtbare Aushandlung unterschiedlicher, komplexer Anforderungen und Kompromisse sowie als konstruktive Seilschaften, die ineinander verschränkt sind.

Die neue Architektur der Hybridisierung deutet an, dass sie repariert und gewartet werden will – transformiert, adaptiert, weiter- und zurückgebaut sowie wiederverwendet. Sie wandelt sich vom gefrorenen Gesamtkunstwerk zu einem Fluss von Elementen, die nur temporär aggregiert sind, bevor sie sich in einem neuen Zwischenzustand versammeln.Da Nachhaltigkeit im Zentrum steht, sind alle Bau­teile – so prägnant sie auch erscheinen mögen – in erster Linie ökonomisch und funktional. Um bei der Reduktion des CO2-Ausstosses im Bauwesen substanzielle Fortschritte zu erzielen, gilt es zu evaluieren, welches Material und welche Konstruktion unter welchen Anforderungen welche Performance und Bilanz aufweisen: hinsichtlich Tragfähigkeit, Spannweiten, Wärme- und Schalldämmung, Witterungsschutz und weiterer Kriterien. Mitunter entstehen gerade aus minimaler Dimensionierung eigenständige, charismatische Formen. Herkunft, Verarbeitungsprozesse und konstruktive Verschlankung werden so Teil der eingeschriebenen Narration.

Mit der Refactory in Zug lotet Gion A. Caminada neue Wege für das Bauen mit Naturstein in der zeitgenössischen Architektur aus. | Foto © Gion A. Caminada
Der Holligerturm von TEN für Bern wurde zwar nicht realisiert, zeigt jedoch das Potenzial hybrider Konstruktionen im Hochhausbau deutlich auf. | Visualisierung: TEN / Olivier Campagne
Das H1 in Regensdorf von Boltshauser Architekten gilt als Leuchtturmprojekt des hybriden Bauens. | Foto: Kuster Frey

Gemeinsam stark

Viele dieser Aspekte wurden in den Referaten zu drei spannenden Bauwerken beziehungsweise Projekten sichtbar. Mathias Stocker präsentierte das H1 in Regensdorf, einen Hybridbau aus Beton und Holz. Ein Betonkern steift das Hochhaus aus, Vollholzstützen und -träger nehmen vertikale Lasten sowie Zugkräfte auf, während auf zwölf Zentimeter reduzierte Betonplatten die Druckkräfte aufnehmen. Verglichen mit einem konventionellen Skelettbau konnten mit dieser hybriden Konstruktion 575 Tonnen CO2 eingespart werden.

Gion A. Caminada referierte über die Planung der Refactory Zug, bei der die Frage im Zentrum steht, ob sich heute – technisch und ökonomisch – mit Naturstein bauen lässt. Das Gebäude ist siebengeschossig konzipiert, mit vier Ecktürmen aus Stein und Beton und Holzdecken sowie dazwischen gespannten Büroräumen als «Membran», ebenfalls aus Holz. Derzeit werden Materialtests für die Turmwände durchgeführt – Sandwiches aus drei, jeweils acht Zentimeter dicken Schichten, mit Stein aussen und Beton innen, zusammengehalten durch sichtbare Schrauben.

Neven Kostic
Scott Lloyd
Mathias Stocker | Fotos Johnathan von Ah

Scott Lloyd und Neven Kostic präsentierten das Projekt des Holliger Turms in Bern. Die Idee für dieses genossenschaftliche Wohnhaus besteht darin, eine Art Megastruktur aus Stahlbeton bereitzustellen, die auf eine Lebensdauer von 500 Jahren ausgelegt ist. Dreigeschossige Leerräume können mit Holzkonstruk­tionen ausgebaut werden. Dies ermöglicht eine hohe Geschwindigkeit beim Erstellen des Rohbaus und erleichtert spätere Umbauten erheblich.

Die drei Projekte zeigten das Potenzial hybrider Konstruktionen nicht nur in Bezug auf Nachhaltigkeit. Zugleich wurde deutlich, dass sie auch den architektonischen Ausdruck erneuern, indem sie eine neue Tektonik hervorbringen. Das grosse Interesse innerhalb der Architekturszene zeigte sich daran, dass sich innert kurzer Zeit 150 Personen angemeldet haben und die Veranstaltung bereits kurz nach Ankündigung ausgebucht war.

Beim Flying Dinner wurde angeregt weiterdiskutiert.
| Fotos Johnathan von Ah

Weitere Fotos vom Event finden Sie hier.

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