Eine Schule des Sehens – Fotos von Denise Scott Brown

Veröffentlicht am 14. Oktober 2026 von
Jørg Himmelreich

Denise Scott Browns Fotografien zeigen, dass die Postmoderne Praxis nicht mit Zitieren und Collagieren - sondern mit dem genauen Beobachten begann. Ihr Ausgangspunkt war die Bereitschaft, eine Strasse, eine Siedlung oder ein Werbeschild ebenso ernst zu nehmen wie ein Denkmal. Der Bildband «Encounters», der bei Lars Müller Publishers erschienen ist, macht diese Haltung sichtbar und stellt die persönliche Analyse einmal mehr an den Anfang jeder Entwurfstätigkeit.

Die Postmoderne wird wieder vermehrt reflektiert – und wieder gelesen. In der Schweiz rücken Bauten und Entwurfsstrategien neu ins Blickfeld, die als überholt galten. Zugleich wächst das Interesse an den Fragen, aus denen sie hervorgingen: Was können Architekt*innen vom Alltag lernen? Welche Bedeutung haben Zeichen, Gebrauch und populäre Kultur für die gebaute Umwelt? In diese Wiederentdeckung fällt auch Encounters, der Bildband mit Fotografien von Denise Scott Brown. Er führt hinter die bekannten Entwürfe und Thesen zurück – zu einem Blick auf die Welt, aus dem sie entstehen konnten.

Wer Scott Brown von Learning from Las Vegas her kennt, könnte in Encounters nach dessen Vorgeschichte suchen. Tatsächlich führt der Band, den Izzy Kornblatt gemeinsam mit Scott Brown zusammengestellt hat, von Südafrika über Europa und die USA bis zu den Aufnahmen von Las Vegas. Doch er ordnet die 383 Fotografien aus den 1950er- bis 1970er-Jahren nicht als Lebenslauf, sondern thematisch. Das ist eine kluge Entscheidung: Nicht der Weg zum berühmten Buch steht im Vordergrund, sondern die Beständigkeit einer Methode – Schauen, Vergleichen, das scheinbar Nebensächliche festhalten. Scott Brown nutzte ihre Kamera für Vergnügen, Forschung, Lehre und später auch für Planungsprojekte.

Denise Scott Brown Photographs, 2025 © 2025 Lars Müller Publishers

Denise Scott Brown Photographs, 2025 © 2025 Lars Müller Publishers

Denise Scott Brown Photographs, 2025 © 2025 Lars Müller Publishers

Ein Londoner Bus, Wohnhäuser in Johannesburg, eine Strassenecke in West Philadelphia, die Genfer Siedlung De-Budé: Solche Motive lassen erkennen, wie weit Scott Brown den Begriff der Architektur fasst. Gebäude erscheinen nicht als isolierte Objekte, sondern im Zusammenhang mit Verkehr, Werbung, Menschen und den Spuren ihres Gebrauchs. Daneben stehen Aufnahmen kanonisierter Architektur, etwa des Royal Crescent in Bath. Das Gewöhnliche und das Aussergewöhnliche werden nicht gegeneinander ausgespielt; beide müssen sich vor derselben Kamera behaupten. Wo historische Bauten gealtert und Teil ihrer Umgebung geworden sind, verlieren auch sie ihre vermeintliche Unberührbarkeit. In ihrer Aufmerksamkeit für das Vorgefundene berührt sich Scott Browns Blick mit dem «as found» des New Brutalism. Zugleich lässt er sich als eine Form architektonischen Realismus lesen: Nicht das ideale Einzelgebäude, sondern die gebaute Welt mit ihren Gebrauchsspuren und Widersprüchen wird zum Gegenstand der Betrachtung.

Venice; Venice Lou Sauer; Denise Scott Brown with pigeons at the Piazza San Marco Venice c. 1956 | Fotos: Denise Scott Brown und Robert Scott Brown © 2025 Lars Müller Publishers

Venice; Venice Lou Sauer; Denise Scott Brown with pigeons at the Piazza San Marco Venice c. 1956 | Fotos: Denise Scott Brown und Robert Scott Brown © 2025 Lars Müller Publishers

Venice; Venice Lou Sauer; Denise Scott Brown with pigeons at the Piazza San Marco Venice c. 1956 | Fotos: Denise Scott Brown und Robert Scott Brown © 2025 Lars Müller Publishers

Damit hat das Buch Anknüpfungspunkte an die gegenwärtige Architekturdebatte – auch in der Schweiz. Hierzulande wird seit einigen Jahren wieder über postmoderne Strategien oder allgemeiner gesagt, den Wunsch, günstigen und seriellen Bauten durch Ausdifferenzierung Charakter zu geben. Doch anders als in der Hochphase der ironischen Postmoderne werden keine abstrakten historischen Zitaten aufgeklebt. Stattdessen werden imanente Teile – Eingang, Stütze, Balkon, Erschliessung – bewusst poentiert oder mitunter überzeichnet. Man könnte das einen artikulierten Realismus nennen. Encounters schärft dafür den Blick, liefert aber auch einen Massstab: Eine Form gewinnt ihren Charakter nicht schon dadurch, dass sie durch Dimension, Ausrichtung und Farbe auffällt. Entscheidend ist, was sie über Gebrauch und Umgebung verständlich macht.

Phila Air Soc. Hill | Fotos: Denise Scott Brown © 2025 Lars Müller Publishers

Phila Air Soc. Hill | Fotos: Denise Scott Brown © 2025 Lars Müller Publishers

Phila Air Soc. Hill | Fotos: Denise Scott Brown © 2025 Lars Müller Publishers

Der Las-Vegas-Teil gegen Ende des Buches lässt sich deshalb als Zuspitzung lesen, nicht als Offenbarung. Wer zuvor die Schilder, Strassenränder und kommerziellen Landschaften anderer Orte gesehen hat, erkennt, dass Scott Browns Interesse am Strip aus einer längeren Beobachtungspraxis hervorging. Das schützt vor einer allzu glatten Ursprungserzählung der Postmoderne. Learning from Las Vegas, 1972 gemeinsam mit Robert Venturi und Steven Izenour veröffentlicht, forderte, Reklame und Casinos als Gegenstände architektonischer Forschung ernst zu nehmen. Beobachten war dabei nicht gleichbedeutend mit Gutheissen. Genau diese Unterscheidung ist heute wichtig, wenn Bilder des Alltäglichen auf Instagram rasch zu einem ästhetischen Vorrat werden, aus dem sich die nächste Fassade bedienen lässt.

South Africa, mid 1950s; City hall & flowers», Johannesburg, 1950s | Fotos: Denise Scott Brown und Robert Scott Brown © 2025 Lars Müller Publishers

South Africa, mid 1950s; City hall & flowers», Johannesburg, 1950s | Fotos: Denise Scott Brown und Robert Scott Brown © 2025 Lars Müller Publishers

South Africa, mid 1950s; City hall & flowers», Johannesburg, 1950s | Fotos: Denise Scott Brown und Robert Scott Brown © 2025 Lars Müller Publishers

Hier liegt zugleich die Grenze des Bandes. Die thematische Abfolge erzeugt eindrückliche Nachbarschaften zwischen Bildern, schwächt aber gelegentlich deren historische Unterschiede. Eine Siedlung in Soweto während der Apartheid kann nicht auf dieselbe Weise «alltäglich» sein wie eine amerikanische Vorstadt oder ein Ferienort. Wer darf sich frei durch diese Räume bewegen, wer wird fotografiert, und was bleibt ausserhalb des Bildes? Kornblatt stellt diese Frage in seinem begleitenden Essay selbst: Gerade bei Scott Browns südafrikanischen Aufnahmen werde die Distanz zwischen der Beobachterin und den Lebensverhältnissen Schwarzer Südafrikaner sichtbar. Das ist eine Stärke seiner Einordnung. Dennoch hätte man sich an solchen Stellen noch mehr unmittelbaren Kontext zu den Bildern gewünscht. Die Schönheit einer fotografischen Gegenüberstellung darf die politischen Bedingungen der gezeigten Orte nicht einebnen.

Las Vegas, 1968; Las Vegas, mid 1860s | Fotos: Denise Scott Brown und Robert Scott Brown © 2025 Lars Müller Publishers

Las Vegas, 1968; Las Vegas, mid 1860s | Fotos: Denise Scott Brown und Robert Scott Brown © 2025 Lars Müller Publishers

Las Vegas, 1968; Las Vegas, mid 1860s | Fotos: Denise Scott Brown und Robert Scott Brown © 2025 Lars Müller Publishers

Encounters ist somit weder bloss ein verspätetes Künstler*innenporträt noch eine Bildbeilage zur Architekturtheorie. Der Band würdigt Scott Browns eigenständige Arbeit mit der Kamera und erinnert daran, dass architektonische Erkenntnis vor dem Entwurf beginnen kann. Sein grösster Gewinn ist eine Übung in Aufmerksamkeit; sein produktivster Widerspruch ist die Frage, wann Aufmerksamkeit in Erkenntnis übergeht – und wann sie bei einer reizvollen Ansicht stehen bleibt. Für die neue Lust am Charakter im Wohnungsbau wäre das eine nützliche Lektion: erst die Verhältnisse genau ansehen, ihre Alltagstauchlichkeit antizipieren und nur wenn nötig, die Teile über eine besondere Artikulation sprechen lassen.

Denise Scott Brown. Encounters. Denise Scott Brown Photographs

Herausgegeben von Izzy Kornblatt

Lars Müller Publishers

Zürich, 2025

434 Seiten, 383 Abbildungen

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259875648