Penzel Valier – Architektur, Konstruktion, Design 2007–2024

Veröffentlicht am 18. September 2026 von
Nina Farhumand

Architektur beginnt bei Penzel Valier nicht mit der Form, sondern mit Last, Kraft und Tragwerk. Die Monografie dokumentiert Projekte des Zürcher Büros aus den Jahren 2007 bis 2024 – von Perrondächern und Infrastruktur über Verwaltungs- und Gewerbebauten bis zu Innenräumen. Sie zeigt eine Architektur, deren Ausdruck aus Konstruktion, Material und Gebrauch entsteht und technische Elemente bewusst sichtbar macht.

Kuster Frey

Die Perrondächer am Flughafen Zürich übersetzen die Anforderungen eines stark frequentierten Verkehrsorts in eine präzise, weit ausgreifende Tragstruktur, die Schutz, Orientierung und räumliche Offenheit verbindet. | Foto: Kuster Frey

Die Perrondächer am Flughafen Zürich übersetzen die Anforderungen eines stark frequentierten Verkehrsorts in eine präzise, weit ausgreifende Tragstruktur, die Schutz, Orientierung und räumliche Offenheit verbindet. | Foto: Kuster Frey

Keine Chronik, sondern ein Lesemodell

Die Monografie folgt nicht der üblichen Chronologie einer Werkschau. Stattdessen bündelt sie die Projekte in fünf Themenfeldern: von Tragwerksfragen und dem Verhältnis von inneren Kräften und äusserer Form über konstruktive Elemente im Städtebau bis zu Material, Übergängen und Transparenz. Die dazwischen gesetzten Kapitel «Analogien» erweitern diese Gliederung um Referenzen und gedankliche Verbindungen.

Diese Struktur macht den Band zu mehr als einer Sammlung realisierter Bauten. Sie lädt dazu ein, Projekte unterschiedlicher Grösse und Nutzung vergleichend zu betrachten. Das Perrondach am Flughafen Zürich steht dabei beispielhaft für eine Architektur, deren Wirkung aus dem Zusammenwirken von Stützen, Dachfläche, Licht und Bewegungsraum entsteht. Die Konstruktion organisiert den Ort und verleiht ihm zugleich seinen Charakter.

Kuster Frey

Das Wasserkraftwerk Hagneck verbindet technische Infrastruktur, massive Betonarchitektur und die Landschaft am Bielersee zu einem sorgfältig gefügten Ensemble. | Foto: Kuster Frey

Das Wasserkraftwerk Hagneck verbindet technische Infrastruktur, massive Betonarchitektur und die Landschaft am Bielersee zu einem sorgfältig gefügten Ensemble. | Foto: Kuster Frey

Bilder als Argument

Eine besondere Qualität des Buchs liegt in der Verbindung unterschiedlicher Darstellungsformen. Grossformatige Architekturfotografien treffen auf Pläne, Diagramme, Detailzeichnungen und Aufnahmen aus dem Bauprozess. So wird Architektur nicht nur als fertiges Bild vermittelt, sondern auch als Folge von Entscheidungen, Abstimmungen und Herstellungsabläufen.

Beim Wasserkraftwerk Hagneck wird diese Arbeitsweise besonders anschaulich. Die Publikation zeigt die Anlage als Zusammenspiel von Wasserbau, Topografie, Wegführung und Baukörpern. Die technischen Anforderungen bleiben dabei sichtbar, ohne die räumliche und landschaftliche Wirkung zu überlagern. Gerade diese Verbindung von präziser Dokumentation und atmosphärischer Bildsprache prägt den Band.

Kuster Frey

Der Campus SRF Zürich organisiert ein komplexes Medienprogramm über eine klar gegliederte Tragstruktur, deren Raster, Aufständerung und offene Erdgeschosszone zugleich Nutzung, Erschliessung und Erscheinung des Gebäudes prägen.| Foto: Kuster Frey

Der Campus SRF Zürich organisiert ein komplexes Medienprogramm über eine klar gegliederte Tragstruktur, deren Raster, Aufständerung und offene Erdgeschosszone zugleich Nutzung, Erschliessung und Erscheinung des Gebäudes prägen.| Foto: Kuster Frey

Entwurf aus der Konstruktion

Die Publikation zeigt Architektur und Ingenieurwesen als eng miteinander verbundene Bereiche des Entwurfs. Tragwerk, Erschliessung, Material und Nutzung werden nicht getrennt behandelt, sondern entwickeln gemeinsam die Gestalt eines Gebäudes. Diese Haltung zieht sich durch die unterschiedlichen Projekte und verleiht dem Buch seine innere Geschlossenheit.

Am Campus SRF Zürich wird dies besonders deutlich. Die horizontale Gliederung des Gebäudes, die Aufständerung des Volumens und die Ausbildung des Erdgeschosses bestimmen zugleich die konstruktive Ordnung, die Nutzung und das Verhältnis zum Umfeld. Zeichnungen, Fotografien und Texte ergänzen einander und eröffnen verschiedene Zugänge zum Projekt – von der übergeordneten Gebäudefigur bis zur Organisation der Arbeitsräume.

Dominique Uldry

Beim Tramdepot Bern wird die funktionale Ordnung eines Betriebsgebäudes durch wiederkehrende konstruktive Elemente zu einer markanten architektonischen Figur verdichtet. | Foto: Dominique Uldry

Beim Tramdepot Bern wird die funktionale Ordnung eines Betriebsgebäudes durch wiederkehrende konstruktive Elemente zu einer markanten architektonischen Figur verdichtet. | Foto: Dominique Uldry

System und Eigenart

Das Tramdepot Bern führt vor, wie Penzel Valier mit Wiederholung und seriellen Bauteilen arbeiten. Die prägnant gefalteten Fassadenelemente reagieren auf die Anforderungen eines grossen Betriebsgebäudes und verleihen ihm zugleich eine eigenständige Erscheinung. Die Architektur gewinnt ihre Präsenz nicht durch applizierte Effekte, sondern durch die sorgfältige Ausarbeitung eines konstruktiven Systems.

Auch hier erweist sich die thematische Ordnung der Monografie als hilfreich. Projekte, die auf den ersten Blick weit auseinanderliegen, treten in Beziehung: Ein Perrondach, ein Kraftwerk, ein Betriebsgebäude oder ein Medienhaus lassen sich als unterschiedliche Ausprägungen einer gemeinsamen Auseinandersetzung mit Struktur, Wiederholung, Material und Raum lesen.

Stella Giger

In Lily’s Factory werden vorhandene Raumstrukturen, Einbauten, Materialien und Möblierung zu einem robusten, atmosphärisch dichten Innenraum zusammengeführt. | Foto: Stella Giger

In Lily’s Factory werden vorhandene Raumstrukturen, Einbauten, Materialien und Möblierung zu einem robusten, atmosphärisch dichten Innenraum zusammengeführt. | Foto: Stella Giger

Konstruktion bis ins Detail

Mit den Innenräumen und Möbeln erweitert das Buch seinen Blick über die grossen Bauaufgaben hinaus. Das Restaurant Lily’s Factory in Zürich zeigt, dass sich die Haltung des Büros auch im kleineren Massstab fortsetzt. Einbauten, Beleuchtung, Oberflächen, technische Installationen und Möblierung werden als Teile einer räumlichen Gesamtordnung behandelt.

Die Gegenüberstellung von Infrastruktur, Verwaltungsbau und Interieur gehört zu den überzeugenden Seiten des Bandes. Sie macht sichtbar, dass Konstruktion hier nicht allein Tragwerk meint. Gemeint ist ebenso die sorgfältige Verbindung von Materialien, Funktionen und Atmosphären. Gerade die Innenräume schärfen den Blick dafür, wie konsequent Penzel Valier Gestaltung als Arbeit an Beziehungen zwischen Elementen verstehen.

Park Books

Blick ins Buch: Baustellenfotografien und axonometrische Diagramme machen die Tragstruktur des Campus SRF Zürich nachvollziehbar. Die Gegenüberstellung ist beispielhaft für die Verbindung von Dokumentation und Analyse im Band | Abbildung © Park Books

Blick ins Buch: Baustellenfotografien und axonometrische Diagramme machen die Tragstruktur des Campus SRF Zürich nachvollziehbar. Die Gegenüberstellung ist beispielhaft für die Verbindung von Dokumentation und Analyse im Band | Abbildung © Park Books

Zwischen Bilanz und Ausblick

Penzel Valier – Architektur, Konstruktion, Design 2007–2024 ist kein schneller Überblick über ein erfolgreiches Schweizer Büro, sondern ein sorgfältig komponiertes Arbeitsbuch. Herausgegeben von Leonore Daum, Christian Penzel, Friedrich Tellbüschel und Martin Valier, bringt der Band Projekte unterschiedlicher Massstäbe und Programme über seine thematische Gliederung miteinander ins Gespräch. Essays von Jörg Boner, Andres Herzog, Tibor Joanelly, Markus Peter, Joseph Schwartz und Martin Tschanz ergänzen die Projektdarstellungen. Fotografien, Pläne, Bauprozessbilder, Chronologie und Anhang erweitern diese Perspektive und machen die Publikation sowohl anschaulich als auch analytisch.

Der Band ist besonders dort stark, wo er zeigt, wie Entwurf und Herstellung einander bedingen. Er macht nachvollziehbar, dass Konstruktion nicht bloss technische Voraussetzung von Architektur ist, sondern deren räumliche, materielle und gestalterische Grundlage sein kann. Zugleich wäre es spannend gewesen, den Blick noch stärker auf die ökologischen Folgen dieser materialintensiven Haltung zu richten. Als Monografie überzeugt das Buch dennoch: nicht durch die Behauptung eines einheitlichen Stils, sondern durch die konzentrierte Darstellung einer Architekturpraxis, die ihre Form aus der Auseinandersetzung mit Struktur, Nutzung und Herstellung gewinnt.

Penzel Valier – Architektur, Konstruktion, Design 2007–2024

Park Books

Erste Ausgabe, 2025

Sprachen: Deutsch, English

608 Seiten, 671 farbige und 1078 s/w-Abbildungen

23 x 28,5 cm

CHF 69,–

Hier bestellen
249485610