100 Details – gezeichnete Wirklichkeit in Fassade, Konstruktion und Material
Rekonstruktion statt Illustration
Der Entstehungsprozess ist für das Verständnis des Bandes zentral. Die Zeichnungen sind keine Illustrationen, sondern analytische Rekonstruktionen des Gebauten. Genau das verleiht ihnen ihre Dichte. Die Gliederung in die Kapitel Fassade, Konstruktion und Material schafft Orientierung, ohne die Projekte festzuschreiben. Sie überschreiten die Kategorien ständig: Eine Fassade ist immer auch Konstruktion. Ein Material entscheidet über Form. Jeanette Kunsmann, Herausgeberin und Chefredakteurin von Detail, hat diese Verflechtungen zum Prinzip des Bandes gemacht und sichtbar werden lassen, ohne sie didaktisch aufzudröseln.

Überblick: 100 Projekte, drei Kapitel und sechs Jahrzehnte Baukultur | Abbildung © Edition DETAIL
Wenn das Detail die Konstruktion enthüllt
Vier der hundert Projekte verdeutlichen exemplarisch die Bandbreite des Buches. Sie zeigen, was am fertigen Gebäude meist unsichtbar bleibt: wie eine Glasfassade ihre Krümmung erhält, ein Ziegeldach der Geometrie folgt, Abbruchmaterial in eine neue Konstruktion eingeht und eine Strohballendämmung den späteren Rückbau ermöglicht. Die Zeichnungen legen die konstruktiven Entscheidungen hinter den Oberflächen offen. Statt Musterlösungen liefern sie präzise Antworten auf die Bedingungen des jeweiligen Projekts.
Eine Glasfassade unter Spannung – Elbphilharmonie Hamburg
Der Fassadenschnitt zerlegt die fliessende Glashülle in ihre konstruktiven Bestandteile. Konkav und konvex gewölbte Isolierglasscheiben treffen auf unterschiedlich ausgebildete Randprofile und Anschlüsse an Geschossdecke und Brüstung. Besonders aufschlussreich ist die Ausformung der Loggien: Die Scheiben öffnen sich aus der Fassadenebene heraus und bilden räumliche Ausschnitte. Der Schnitt zeigt, dass die expressive Wirkung nicht allein aus der Glasgeometrie entsteht. Erst das Zusammenspiel von Scheibe, Befestigung und Deckenanschluss macht sie möglich.

Gewölbte Glasfassade, Elbphilharmonie Hamburg, Herzog & de Meuron, 2016 | Abbildung © Edition DETAIL
Wie Ziegel einer Kurve folgen – Keplermuseum Regensburg
Beim Erweiterungsbau des Keplermuseums entwickelt sich das Satteldach zu einer weit heruntergezogenen, gekrümmten Fläche. Bieberschwanzziegel decken damit eine Geometrie, für die das kleinteilige Material zunächst kaum geeignet scheint. Die Zeichnung verfolgt, wie Ziegel, Lattung, Unterkonstruktion, Dämmung und Innenbekleidung auf die Krümmung reagieren. Sichtbar wird auch, dass die Dachform nicht nur die äussere Erscheinung bestimmt: Sie prägt den Innenraum und verlangt über sämtliche Schichten hinweg angepasste Anschlüsse.

Biberschwanzziegel-Dach, Keplermuseum Regensburg, Wandel Lorch Götze Wach, 2024 | Abbildung © Edition DETAIL
Abbruchmaterial wird Tragwerk – Wohngebäude Palma de Mallorca
Für das Wohngebäude verwendeten Harquitectes Marès-Kalkstein aus einer abgebrochenen Schule weiter. Das Material wurde zerkleinert und dem Beton der neuen Tragwände beigemischt; grössere Steine blieben als Einschlüsse sichtbar. Der Schnitt zeigt massive Aussen- und Innenwände, in die Decken und Öffnungen direkt eingebunden sind. Materialwiederverwendung erscheint hier nicht als zusätzliche Schicht oder Verkleidung. Sie greift in das Tragwerk ein und prägt zugleich die Oberflächen der Räume.

Kalksteinmauerwerk, Wohngebäude Palma de Mallorca, Harquitectes, 2024 | Abbildung © Edition DETAIL
Auf Zerlegbarkeit vorbereitet – Wiederverwendbare Strohballendämmung, Siedlung im Vogelsang
Die Gebäudehülle der Wohnanlage dämmen 75 Zentimeter starke Strohballen. Vorgefertigte Holzrahmenmodule nehmen die Ballen auf; ein mehrschichtiger Putz schützt sie nach aussen. Die Konstruktion verzichtet weitgehend auf schwer trennbare Verbindungen und bereitet so die spätere Zerlegung vor. Der Schnitt macht deutlich, dass Wiederverwendbarkeit nicht erst beim Abbruch beginnt. Sie bestimmt bereits Raster, Bauteilgrössen, Fügungen und Anschlüsse. Gerade diese Abhängigkeiten wären auf einem Foto kaum zu erkennen.

Der Schnitt durch die Siedlung im Vogelsang zeigt die mit Strohballen gedämmten Holzmodule. Die Konstruktion verbindet Vorfertigung mit der Möglichkeit, Bauteile später zu trennen und Materialien erneut zu verwenden, Atelier Schmidt, 2020 | Abbildung © Edition DETAIL
Wie der Schnitt Architektur lesbar macht
Wer ein Nachschlagewerk mit Regelaufbauten sucht, wird in diesem Band kaum fündig. Die gezeigten Konstruktionen reagieren auf bestimmte Orte, Programme und Entwürfe. Deshalb lassen sie sich nicht einfach auf andere Projekte übertragen. Ihr Wert liegt im genauen Lesen: Die Zeichnungen führen vor, wie Architekt*innen Schichten ordnen, Materialien fügen und Anschlüsse bis in die letzte Konsequenz entwickeln. Wer die Schnitte studiert, blickt auch kritischer auf die eigenen Pläne.
100 Details erscheint zu einer Zeit, in der KI-Tools architektonische Bilder innerhalb von Sekunden erzeugen. Die Detailzeichnung erfüllt eine andere Aufgabe. Sie muss erklären, wie Form, Material und Konstruktion zusammenwirken und ob sich ein Entwurf tatsächlich bauen lässt. Während das Rendering eine mögliche Erscheinung entwirft, prüft der Schnitt ihre konstruktiven Voraussetzungen. Gerade deshalb wirkt diese Sammlung heute besonders relevant.
100 Details – gezeichnete Wirklichkeit in Fassade, Konstruktion und Material
Edition Detail
Erste Ausgabe, 2026
Sprachen: Deutsch, English
416 Seiten
24 x 32 cm
CHF 74,–