Mehrzweckhalle Grüsch

 
7214 Grüsch,
Schweiz

Veröffentlicht am 15. April 2026
raumfindung architekten gmbh
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026

Fassade zum Schulhof Neue Mehrzweckhalle im Schulhaus-Ensemble Halle im Sportbetrieb Halle bei Veranstaltung Fassadenseitige Schmutzzone Garderoben im Obergeschoss Halle im Betrieb

Projektdaten

Basisdaten

Projektkategorie
Fertigstellung
03.2026
Links

Gebäudedaten nach SIA 416

Stockwerke
2
Anzahl Kellergeschosse
1

Beschreibung

Vielfältiges Schulareal im Dorfkern
Der neue Saalbau stärkt die Identität der Schulanlage und definiert eine starke Adresse im Dorfkern von Grüsch. Der Neubau wird im Osten des Areals situiert. Dadurch wird ein grosszügiger Schulhof räumlich als zentrale Arealmitte gefasst. Das alte Schulhaus und Rathaus bleiben die Protagonisten des Schulensembles. Der Neubau ordnet sich trotz seiner Grösse, aufgrund der Materialisierung aus Holz und der geduckten Gebäudehöhe den verputzten Patrizierhäusern unter.  Gegen Süden bietet der Neubau einen über die gesamte Gebäudelänge durchgehenden Portikus. Die gedeckten Freiraumflächen sind für den Schulalltag und die abendlichen Saalnutzungen wertvoll. Die Bühne wird zum neuen Schulhof hin orientiert. Es resultiert eine Dreifachnutzung des Bühnenraumes: im Schulalltag wird die Bühne als vollwertiger und gut belichteter Innenraum genutzt, bei Veranstaltungen kann sie sowohl zur Turnhalle hin als auch in Richtung Schulhof als gedeckte Aussenbühne genutzt werden. Durch diese Anordnung ist die Nutzung sehr flexibel und der neue Saalbau ist äusserst vielseitig bespielbar. Anstelle der alten, nahe am bestehenden Schulhaus platzierten Turnhalle, wird ein grosszügiger Schulhof mit identitätsstiftender Baumbepflanzung, Brunnen und Sitzgelegenheiten aufgespannt.

Nutzungsanordnung und architektonischer Entwurf
Die hochfrequentierten Publikumsräume befinden sich im Erdgeschoss. Der Hauptzugang erfolgt an der Längsfassade über den Portikus und es entsteht eine gut auffindbare, zweiseitige Adresse. Das einladende Foyer, das sich über seine gesamte Länge nach aussen in Richtung Portikus öffnen lässt, schliesst an seiner anderen Längsseite mit einer grosszügig öffenbaren Front aus Saaltüren an die Halle an. Die Officeküche kann sowohl in das Foyer als auch nach aussen bedienen, was bei verschiedenen Anlässen von Vorteil ist. Bei Schul- oder Theaterveranstaltungen können der Requisitenraum auf dem Zwischengeschoss und der Vereinsraum zugleich als Backstage- und Aufwärmraum genutzt werden und bieten dem Gebäude somit viel Flexibilität. Durch den Requisitenraum ist ein gedeckter Auftritt auf die Bühnenbereich möglich. Die weiteren Räume wie Garderoben, Lehrergarderoben und Vereinsraum befinden sich im Obergeschoss.

Aufgrund der Schnittlösung der Dachlandschaft wird der Gebäudekörper massstabsgerecht proportioniert und in das bestehende Gebäudeensemble der Primarschule und Umgebung integriert. Im Südosten bietet eine unterirdische Einstellhalle neue Parkflächen, die bei der steigenden Anzahl der Hallennutzer notwendig sind. Die Einfahrt erfolgt über eine bestehende Tiefgarageneinfahrt im Süden. Die neue Einstellhalle wird im Untergeschoss an die Mehrzweckhalle angeschlossen und der Freiraum darüber als begrünter Aussenraum gestaltet. Insgesamt resultierten eine wohltuend einladende Adresse und ein Schulhof mit starker Identität.

Umgebungsgestaltung und Vernetzung mit dem Dorfraum
Die neue Mehrzweckhalle ergänzt das Schulensemble als untergeordneter Solitär in unspektakulärer Weise. Durch die Setzung des Baukörpers entstehen verschiedene Pausenbereiche mit unterschiedlichen Qualitäten. Dank des durchlaufenden Portikus wird ein wettergeschützter Pausenbereich angeboten. Der neue Schulhof ist mit hochstämmigen, blühenden Bäumen bepflanzt. Es entstehen geschützte und verkehrsfreie Spielräume. Der neue Platz zwischen dem Schulhaus und dem neuen Mehrzweckbau ist als offene, multifunktionale Fläche ausgestaltet. Das freie Spiel und Ballspiele während der Pausenzeiten finden dort statt. Gleichzeitig kann der Platz auch als aussenräumlicher Publikumsbereich bei Freiluftaufführungen genutzt werden. Generell ist der Fussweg der Schüler konsequent von den Verkehrsflächen und der Parkierung entflochten. Die Sicherheit und Übersichtlichkeit gehen einher mit der freiräumlichen Qualität. 

Flexible Hallen- und Nutzungsszenarien mit Aussenbühne
Der neue Mehrzwecksaal Fundus wird mit einer abtrennbaren Mehrzweckbühne ausgestattet. Die Turnhalle kann tagsüber primär durch den Schulsport und abends durch die Sportvereine genutzt werden. Für Mehrzweckveranstaltungen kann der Bühnenraum zur Turnhalle geöffnet werden, er ist aber auch als separater Raum nutzbar. Die Bühne weist ein Bühnenportal von 10 Meter Breite und 5 Meter Höhe auf und ist für diverse Veranstaltungen geeignet. Die Bühne ist zweiseitig nutzbar: einerseits als konventionelle Guckkastenbühne mit dem Zuschauer in der Turnhalle, andererseits als Aussenbühne mit dem Publikum openair auf dem Schulhof. Das Konzept sieht von Veranstaltungen, Konzerten, Schulbetrieb und Gemeindeversammlungen über Theater, Kino und Freilufttheater diverse Nutzungsmöglichkeiten vor. Die Bühneneinrichtungen sind dementsprechend ausgelegt. Die Besonderheit der auch von aussen nutzbaren Bühne wird durch die Beidseitigkeit ermöglicht. Dadurch wird der zwischen Schulhaus und Mehrzweckhalle liegende Schulhof in Folge verschiedener Nutzungsszenarien zum einem wertvollen und bereichernden Aussenraum. Gleichzeitig wirkt die Bühnenfassade gegenüber der Schulanlage einladend, offen und zugewandt.

Funktionales Obergeschoss
Garderoben, funktionale Nebenräume und der Vereinsraum befinden sich im Obergeschoss. Die Erschliessungsfläche erhält durch grosszügige Fensteröffnungen viel Tageslicht und die Orientierung ist einfach. Gemäss Schmutzschleusenkonzept zonieren die Garderobenräume die Turnhallennutzung in Schmutz- und Sauberbereich. Von der Galerie ist der Blick in die Halle möglich und es entstehen interessante Sichtbezüge. Der Vereinsraum steht als nutzungsneutraler Raum den Grüscher Vereinen zur Verfügung. Die Medientechnik ist darauf ausgelegt, dass auch Versammlungen in diesem Raum abgehalten werden können. Die Nischen an der Längsseite dokumentieren die Geschichte der Gemeinde Grüsch und der Mehrzweckhalle.

Konstruktion als Holzelementbau
Der Hallenbau ist gemäss Anforderungen an Minergie-P konzipiert und als Holzelementbau erstellt. Dadurch wurde die Bauzeit vor Ort auf der Schulanlage maximal verkürzt, der präfabrizierte Holzelementbau wurde innert weniger Wochen vor Ort montiert und die Erstellungskosten sind wirtschaftlich. Die Gebäudehülle ist aus hochgedämmten Holzelementen konstruiert, das Dach als langlebiges Schrägdach. Die Holzmetallfenster sind mit 3fach-Isolierverglasung bestückt. In der Halle sorgen grosszügige, nach Norden ausgerichtete Oblichter für viel Tageslicht. Der Holzelementbau ist ortsgerecht mit einer langlebigen und hinterlüfteten Holzschalung umhüllt. Die vertikalen Lisenen, die Felder mit sägeroher unverleimter Nut-Kamm Schalung sowie die Täferverkleidung im Inneren bestehen aus lokalem Fichtenholz aus dem Grüscher Wald. Ein umlaufender Dachabschluss fasst den Bestand des Areals und den Neubau der Mehrzweckhalle architektonisch zu einem Gesamtensemble zusammen.

Statische Struktur, Brandschutz und Nutzungsflexibilität
Die Grundkonzeption basiert auf einem einfachen Raster mit wirtschaftlichem Achsmass für den Holzbau. Die Tragstruktur ist in Holzbauweise konzipiert. Die auftretenden horizontalen Erdbeben- und Windkräfte werden über  durchlaufende Wandscheiben der Fassaden und Innenwände abgetragen. Statisch effiziente Brettschichtholzträger überspannen die Mehrzweckhalle. Das Untergeschoss, die Bodenplatte und der Gebäudesockel werden als monolithisch zusammenhängende Massivbaukonstruktion konzipiert. Die Aussen- und Innenwände, die Decke über dem Erdgeschoss sowie das Dach besteht aus vorfabrizierten Holzelementen. Damit wird eine dauerhafte, unterhaltsarme Konstruktion geschaffen, die Schwerelasten werden gleichmässig via Flachfundation auf den Baugrund abtragen. 

Gebäudetechnik und Dachlandschaft
Das Gebäude ist Minergie-P zertifiziert. Auf dem Dach ist eine Aufdach-Photovoltaik-Anlage installiert. Die Wärmeerzeugung und Warmwasseraufbereitung erfolgt mittels einer Pelletheizung, die sich im bestehenden Primarschulhaus befindet. Der Anschluss an den Neubau erfolgt mittels einer neuen Fernwärmeleitung. Diese wird ab dem bestehenden Technikraum im Erdreich zum Neubau geführt. Die Wärmeabgabe sämtlicher beheizten Räume erfolgt mittels einer Fussbodenheizung, mit Ausnahme der Bühne. Dort wird vor dem Aussenbühnentor, im Doppelboden, ein Bodenkonvektor eingebaut der gleichzeitig als Luftauslass verwendet wird. 

Lokale Wertschöpfung für die Region
Aufgrund der Grössenordnung wurde das Bauvorhaben dem öffentlichen Beschaffungswesen des Bundes sowie der Verordnung GATT/WTO unterstellt. Die Auswertung der geografischen Verteilung der beteiligten Unternehmer zeigt, dass ein Grossteil der Bauleistungen aus der Region erbracht wurde. Zahlreiche Handwerker und insbesondere die Hauptaufträge wie Baumeisterarbeiten, Baugrube und Holzbau gingen an lokal verankerte Unternehmen. Insgesamt wurden 71 Prozent der Handwerkeraufträge an Firmen aus den Bezirken Prättigau und Landquart vergeben.

Baukultur als Katalysator
Diese hohe regionale Wertschöpfung ist Ausdruck einer architektonischen Haltung. Die Materialien stammen möglichst ressourcenschonend aus dem lokalen Umfeld und wurden mit traditionellen Handwerksmethoden verarbeitet: Kies für den Beton aus dem Werk Tardis in Landquart, Holz aus dem Grüscher Wald (zertifizierter Holzbau) sowie Steinbrunnen und Natursteinplatten aus Andeer. In diesem Sinne unterstützt die Baukultur nicht nur die Kultur selbst, sondern auch das regionale Gewerbe und das traditionelle Handwerk. Es entsteht ein allseits gewinnbringender Kreislauf für lokale Wertschöpfung und Identität.

Holz aus dem Grüscher Wald
Als identitätsstiftende Massnahme war es der Gemeinde Grüsch wichtig, dass abgesehen vom Konstruktionsholz, welches im Grüscher Wald nicht vorhanden ist, alles Holz von dort kommt. So wurde das Holz für sämtliche inneren und äusseren Verkleidungen, die Lattungen zur Befestigung der Fassade sowie das Primärtragwerk aus dem Grüscher Wald beschafft, verwendet wurde dabei Fichtenholz. Die Bäume wurden im Frühling 2024 geschlagen. Im Gebiet Bawald war sowieso ein Holzschlag geplant, so konnten die Arbeiten im Zusammenhang mit der Erstellung der neuen Mehrzweckhalle koordiniert werden. Der Anteil von Schweizer Holz in der Mehrzweckhalle beträgt für die zertifizierten Bauteile (Primärtragwerk, Fassade, Innenverkleidungen) 92 Prozent und erfüllt damit die Anforderungen an das Label CH-Holz.

Das Projekt von raumfindung architekten wurde im Rahmen des Swiss Arc Award 2026 eingereicht und von Nina Farhumand publiziert.

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