Das Neue ist schon da – ein Film über Barbara Buser
Gabriele Schärers Dokumentarfilm «Barbara Buser – Pionierin der Nachhaltigkeit» porträtiert eine Architektin, die Gebäude nicht zuerst als Bauaufgabe, sondern als vorhandene Ressource betrachtet. Für die Architekturpraxis ist das mehr als eine sympathische Haltung: Es verändert, wo Planung beginnt und woran ihr Erfolg gemessen wird.
Was macht eine Architekt*in, die möglichst wenig neu bauen will? Im Fall von Barbara Buser lautet die Antwort: Sie erschliesst Handlungsspielräume, die ein Neubauauftrag oft gar nicht erst sichtbar macht. Die Basler Architektin und Mitgründerin des baubüros in situ setzt sich seit Jahrzehnten für den Erhalt von Gebäuden, die Wiederverwendung von Bauteilen und die Umnutzung ganzer Areale ein. Gabriele Schärers rund zweistündiger Dokumentarfilm «Barbara Buser – Pionierin der Nachhaltigkeit» folgt diesem Weg – von Busers frühen Erfahrungen im Südsudan und in Tansania bis zu ihren Transformationsprojekten in der Schweiz. Zugleich stellt er die Frage, was von einer Praxis bleibt, wenn ihre prägende Person sich zurückzieht.
Der Film macht sichtbar, wie sich das Selbstverständnis der Architektur verschiebt. Was lange als Improvisation oder «Gebastel» abgetan wurde, rückt heute ins Zentrum der Bauwende: Gebäude erhalten, Bauteile wiederverwenden und Menschen an der Entwicklung ihrer Umgebung beteiligen. Busers Arbeit zeigt dabei, dass Weiterbauen mehr verlangt als einen Umbauentwurf. Sie entwickelt Nutzungen, bringt Beteiligte zusammen und sucht nach Wegen, Projekte zu finanzieren. Architektur endet in dieser Praxis weder an der Gebäudehülle noch mit der Übergabe der Pläne.
Nicht nur erhalten – zugänglich machen
Das Gundeldinger Feld in Basel steht beispielhaft für diesen erweiterten Architekturbegriff: Eine ehemalige Maschinenfabrik wurde nicht durch ein fertig definiertes Neubauprogramm ersetzt, sondern zu einem Ort für unterschiedliche Nutzungen weiterentwickelt. Die Frage war nicht allein, was sich baulich erhalten lässt, sondern ebenso, wer einen Ort nutzen kann und unter welchen Bedingungen. Darin liegt die soziale Dimension von Busers Arbeit. Ressourcenschonung und Zugänglichkeit sind für sie keine getrennten Kapitel einer Projektbeschreibung.
Auch konstruktiv ist das keine blosse Absichtserklärung. Beim Kopfbau der Halle 118 in Winterthur beispielsweise plante das Team eine dreigeschossige Aufstockung mit überwiegend wiederverwendeten Bauteilen. Laut baubüro in situ konnten gegenüber einer Ausführung mit neuen Bauteilen rund 60 Prozent der Treibhausgasemissionen der Erstellung und 500 Tonnen Primärmaterial eingespart werden. Bemerkenswert ist dabei weniger die einzelne Kennzahl als die Umkehrung des üblichen Ablaufs: Tragwerk, Fenster oder Fassadenelemente werden gesucht, geprüft und katalogisiert; der Entwurf reagiert auf ihre tatsächliche Verfügbarkeit. Re-Use ist damit eine Planungs- und Koordinationsaufgabe – nicht eine Materialwahl kurz vor der Ausschreibung.
Die Bauwende als Gemeinschaftswerk
Gerade hier sollte die Bewunderung in eine fachliche Debatte übergehen. Ein Porträt kann zeigen, wie viel eine entschlossene Person in Bewegung setzt. Es beantwortet aber nicht automatisch, wie sich eine solche Arbeitsweise unabhängig von Pionierinnen verstetigen lässt: Wer bezahlt Bauteilsuche und Zwischenlagerung? Wie werden Nachweise und Haftung organisiert? Wie lassen sich Nutzungen sichern, die einen Ort beleben, aber nicht die höchste finanzielle Rendite erzielen? Und wie wird aus einer Ausnahme im Projektalltag eine verlässliche Praxis? Das sind keine Einwände gegen Busers Arbeit, sondern Fragen, die ihr Erfolg der Branche stellt.
Darin liegt auch die Relevanz des Films über die Schweiz hinaus. Busers Projekte zeigen, dass der Bestand nicht bloss eine technische Ausgangslage ist, die es zu optimieren gilt. Er enthält Material, investierte Arbeit, Nutzungsbeziehungen und städtische Öffentlichkeit. Wer ihn vorschnell ersetzt, muss mehr rechtfertigen als die Kosten eines Neubaus. Dass diese Perspektive international auf Interesse stösst, zeigt sich auch ausserhalb des Kinos: Buser erhielt 2026 den Jane Drew Prize; der Film ist für den 15. Oktober beim Architecture & Design Film Festival in New York angekündigt.
Schärers Film ist deshalb besonders dann ergiebig, wenn Architekt*innen ihn nicht als Bestätigung einer bereits richtigen Haltung ansehen. Sein produktiver Nachhall wäre eine präzisere Frage bei jedem Projektbeginn: Was ist schon da – und was müssten wir ändern, damit es bleiben und weitergenutzt werden kann?
Barbara Buser. Pionierin der Nachhaltigkeit
Regie und Drehbuch: Gabriele Schärer
Veröffentlichung: 2026
Länge: 118 Minuten
Produktion: Sulaco Film GmbH, Maat Film und SRF Schweizer Radio und Fernsehen
Verleih: First Hand Films (Schweiz), mindjazz pictures (Deutschland)
Kinostart: In der Schweiz am 16. April; in Deutschland am 29. Oktober 2026.
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Am Donnerstag, 5. November 2026, um 19.30 Uhr zeigt der Kulturraum Thalwil an der Bahnhofstrasse 24 den Film. Nach der Vorführung findet ein von Theo Stich moderiertes Gespräch mit Barbara Buser ist statt.
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Für den 29. Oktober 2026 ist der Kinostart in Deutschland angekündigt worden.
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Zudem gibt es eine Gelegenheit Barbara Buser beim 5. Klimafestival für die Bauwende von BauNetz und Heinze in der STATION Berlin zu treffen. Dort wird sie die Themen am 19. November 2026 von 16.30 bis 17.30 Uhr auf der «Change – Festival Stage» präsentieren. Der grosse Eventl findet am 18. und 19. November 2026 statt.
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Wie diese Haltung im Büro weitergetragen wird, erläutert Pascal Angehrn, Leiter der Zürcher Zweigstelle von in situ, im Interview «Bauen ist politisch». Darin spricht er unter anderem über Kreislaufwirtschaft, Partizipation und die gesellschaftliche Verantwortung von Architekt*innen.


