Geister der Architektur – Wim Wenders’ Film über Peter Zumthor
Wie filmt man Räume und vermeidet dabei, dass sie auf Ansichten reduziert werden? In «From Inside Out. Die Architektur von Peter Zumthor» versucht Wim Wenders, Architektur im Kino körperlich erfahrbar zu machen. Dabei kommen verschiedene Erzähler*innen zu Wort, die ihre persönlichen Wahrnehmungen in Zumthors Bauten beschreiben. Dies verspricht einen ungewöhnlichen Blick auf dessen Werk – wirft aber auch die Frage auf, was diese Perspektive ausblendet.
Ein Grundriss erklärt Beziehungen, ein Foto hält einen Augenblick oder fängt eine Lichtstimmung ein. Doch wie fühlt es sich an, eine Schwelle zu überschreiten, der langsamen Bewegung von Licht im Verlauf eines Tages in einem Innenraum zu folgen oder sich langsam an dessen Dimension zu gewöhnen? Für seinen 114-minütigen Dokumentarfilm «From Inside Out. Die Architektur von Peter Zumthor» setzt Wim Wenders sowohl auf die Bewegung der Kamera im Raum als auch die Aktivierung von persönlichen Beschreibungen. Besucher*innen, Bewohnende und Handwerker*innen eröffnen unterschiedliche persönliche Perspektiven auf das Werk. Der Film wurde im September 2026 bei den Filmfestspielen von Venedig in der Sektion «Venice Open. Out of Competition» gezeigt. Zudem war er bereits im Rahmen des Zurich Film Festival zu sehen. Anfang November 2026 startet er regulär in Kinos der Deutschschweiz.
Für das Filmen kamen 3D-Kameras zum Einsatz. Das Verfahren ist mehr als ein technischer Effekt. Bei Zumthor, dessen Bauten oft über Material, Licht und die Abfolge von Räumen beschrieben werden, könnte die stereoskopische Kamera etwas sichtbar machen, das der klassischen Architekturfotografie entgeht: nicht das Gebäude als abgeschlossenes Objekt, sondern als zeitliche Erfahrung. Das Filmprojekt entwickelte sich über mehr als 14 Jahre. Zu den Stationen gehören die Therme Vals und neuere Grossprojekte wie die Erweiterung der Fondation Beyeler in Riehen und die David Geffen Galleries des Los Angeles County Museum of Art. Bevor sie dieses umfassende Werk starteten, hatten Wenders und Zumthor bereits für den Kurzfilm «Notes From A Day in the Life of an Architect» zusammengearbeitet.
Geister im Raum
Ein jüngerer Zumthor erscheint geisterhaft auf Oberflächen und Menschen aus Vergangenheit und Gegenwart werden durch inszenierte Figuren und Stimmen in den Räumen präsent. Das ist eine reizvolle filmische Idee: Ein Gebäude beherbergt schliesslich nicht nur die Personen, die gerade beim Filmen im Bild stehen, sondern auch Erinnerungen und Vorstellungen künftiger Nutzung.
Für ein Architekturpublikum beginnt hier zugleich jedoch auch die kritische Frage: Wessen Anwesenheit, Interpretation und Deutung zeigt der Film – und wessen nicht? Schauspielerisch inszenierte Nutzer*innen können einem Raum Leben geben. Sie können aber auch eine sorgfältig komponierte Atmosphäre erzeugen, die mit dem weniger fotogenen Alltag eines Gebäudes nur bedingt zu tun hat. Der Geist, der solche Bilder gelegentlich heimsucht, ist womöglich weniger übernatürlicher Art als jener der perfekten Inszenierung: Positionen von Möbeln, persönlichen Gegenständen, Licht und Klang wurden einmal mehr sorgfältig orchestriert.

Filmstill: Road Movies DCM Pictures & DCM Film Distribution
Inszenierung vs. Alltag
Diese Spannung ist für einen Film über Zumthor besonders interessant. Wenders will den Blick offenbar vom Architekten als Autor auf das Erleben seiner Bauten erweitern. Doch ein Portrait, das zwei grosse Gestalter – Regisseur und Architekt – zusammenführt, läuft auch Gefahr, deren ästhetische Übereinstimmung mit einer kritischen Untersuchung zu verwechseln. Wer entscheidet über die Nutzung der gezeigten Räume? Wie verändern sie sich nach ihrer Eröffnung? Und welche Kompromisse gehören zu ihrer Entstehung? Solche Fragen verschwinden leicht, wenn Material und Licht die überzeugendsten Antworten zu geben scheinen. Die 3D-Technik ist überzeugend, das Portait von Zumthor bleibt aber schemenhaft und der erzählerische Zugang ist mitunter sperrig.
«From Inside Out» ist deshalb auch eine Einladung, über die Bilder hinauszusehen. Der Film führt eindrücklich vor, was Kino über Architektur vermitteln kann. Ob er ebenso viel über die Bedingungen erzählt, unter denen diese Architektur entsteht und genutzt wird, bleibt eine Frage für den Kinobesuch. Indem der Film das persönliche Erleben und individuelle Zugänge in den Mittelpunkt rückt, macht er zugleich deutlich: Der eigene Besuch und das persönliche sinnliche Erfahren bleibt der beste Schlüssel zur Architektur – auch oder gerade wenn es Werke von Peter Zumthor sind.
From Inside Out. Die Architektur von Peter Zumthor
Regie und Drehbuch: Wim Wenders
Veröffentlichung: 2026
Länge: 114 Minuten
Technologie: 3D-Produktion
Produktion: Road Movies, DCM Pictures und DCM Film Distribution (Schweiz)
Verleih: DCM Film Distribution (Schweiz) GmbH.
Kinostart in der Deutschschweiz wird am 5. November und in Deutschland am 26. November 2026 sein.
