Mehrfamilienhaus Valley
9443 Widnau,
Schweiz
Veröffentlicht am 26. Juni 2026
Baumschlager Eberle Zürich AG
Projektdaten
Basisdaten
Gebäudedaten nach SIA 416
Beschreibung
In Widnau SG ist mit dem Mehrfamilienhaus Valley Widnau ein Wohngebäude entstanden, das hohe Wohnqualität, konstruktive Flexibilität und einen konsequent reduzierten CO₂-Fussabdruck miteinander verbindet. Baumschlager Eberle Architekten konzipierten das Haus als Referenzprojekt der Openly AG. Der Anspruch war ein langlebiges, robustes und zukunftsfähiges Wohngebäude, das Nachhaltigkeit nicht als technische Zusatzleistung versteht, sondern aus Architektur, Konstruktion und Materialwahl heraus entwickelt.
Das Projekt umfasst 19 grosszügige Wohnungen mit bis zu drei Metern Raumhöhe und grossen Terrassen. Die Höhenstaffelung des Baukörpers reagiert auf die umliegende Bebauung. Regelmässige Lochfassaden, tiefe Fensterlaibungen und robuste mineralische Oberflächen verleihen dem Gebäude eine ruhige, dauerhafte Präsenz. Die reduzierte Verglasung, die hohe Speichermasse und die geschützten Aussenräume unterstützen ein angenehmes Raumklima und tragen zur energetischen Effizienz bei.
Nachhaltige Konstruktion
Im Zentrum steht der Einsatz CO₂-armer und biogener Baustoffe. Das Gebäude basiert auf einem flexiblen Holztragwerk, das spätere Anpassungen der Nutzung ermöglicht. Ergänzt wird es durch Hanfbeton, Hanfziegel, Pflanzenkohlebeton, Holz-Lehm-Verbunddecken, Lehmbauplatten und wiederverwendete Stahlträger. Der natürliche Wandaufbau mit diffusionsoffenen Hanfwänden und einem Lehm-Kalk-Putzsystem unterstützt ein konstant gutes Raumklima und macht die Materialität des Hauses unmittelbar erfahrbar.
Das Gebäudekonzept knüpft an das Prinzip 22∙26 an und überträgt dessen Grundgedanken in den Wohnungsbau: intelligente Architektur, hohe Speichermasse, reduzierte technische Abhängigkeit und ein robustes Zusammenspiel von Material, Raum und Klima. Im Sommer öffnen sich die Lüftungselemente automatisch zur Nachtauskühlung, im Winter bei zu geringem Sauerstoffgehalt. Sämtliche Fenster können zusätzlich manuell geöffnet werden.
Durch die Verwendung fossilfreier, regionaler und teilweise CO₂-speichernder Baustoffe war das Gebäude bereits in der Erstellung CO₂-arm. Biogenes CO₂-Capturing in einzelnen Materialien macht das Haus zur Kohlenstoffsenke. Photovoltaik, sehr gute Dämmwerte und ein intelligentes Energiemanagement ergänzen das Konzept zu einem Plusenergiehaus.
Materialinnovation und langfristige Perspektive
Nachhaltigkeit wird beim Valley Widnau über den gesamten Lebenszyklus gedacht. Hochwertige und robuste Materialien, flexible Grundrisse, Reuse, Recyclingfähigkeit und ein klares Regelmass in der Konstruktion tragen dazu bei, dass das Gebäude nicht nur heute ökologisch ambitioniert ist, sondern auch langfristig nutzbar bleibt.
Das Projekt wurde als Pilotbau für eine CO₂-arme Bauweise entwickelt. Zahlreiche Materialien und Bauteile mussten dafür neu kombiniert oder gezielt weiterentwickelt werden. Eine besondere Herausforderung war der Einsatz innovativer Baustoffe in dieser Grössenordnung. Hanfbeton war für ein Projekt dieser Dimension noch wenig erprobt; auch Brandschutz, Schallschutz, statische Nachweise und Genehmigungsfragen erforderten intensive Abstimmungen. Daraus entstand ein hoher Erkenntnisgewinn für zukünftige Bauvorhaben.
Valley Widnau zeigt, wie zeitgemässer Wohnungsbau in der Schweiz räumlich grosszügig, konstruktiv intelligent und klimatisch wirksam umgesetzt werden kann – und wie sich Materialinnovation, architektonische Qualität und langfristige Nutzungsfähigkeit zu einem zukunftsfähigen Ganzen verbinden.
Das Projekt wurde von Baumschlager Eberle im Rahmen der architekTOUR Basel 2026 hochgeladen und von Jørg Himmelreich publiziert.