Pfarrhaus Altnau
8595 Altnau,
Schweiz
Veröffentlicht am 07. April 2026
schoch-tavli architekten gmbh
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026
Projektdaten
Basisdaten
Gebäudedaten nach SIA 416
Beschreibung
Das architektonische Konzept für das Pfarrhaus in Altnau beruht auf der Rückführung des Gebäudes auf seine historisch gewachsene Gesamtform aus den Bauphasen von 1812 und 1906. Ziel ist die Klärung der ortsbaulichen Bezüge und die langfristige Sicherung einer zeitgemässen Nutzung. Ortsbaulich wurde das Volumen bereinigt und neu gefasst. Spätere Anbauten an der Westfassade wurden entfernt und durch eine zurückhaltende, überdachte Holzveranda ersetzt. Die geschwungene Hohlkehle entlang der Trauflinie wurde wieder durchgehend ausgebildet und ordnet den Übergang zwischen Südfassade und Kirchenmauer. Zusammen mit dem umgestalteten ehemaligen Garagengebäude entstand ein klar gefasster Kiesplatz. Dieser bildet heute einen gemeinsamen Aussenraum für Pfarrhaus, Kirche und Friedhof. Die öffentlichen Bereiche orientieren sich zum Kirchenvorplatz, während Pfarrwohnung und Unterrichtsraum über den westlichen Aussenraum erschlossen sind. Räumlich wurde die Pfarrwohnung im Obergeschoss zusammengeführt. Das historische Raumsystem blieb erhalten und wurde punktuell weiterentwickelt. Die bestehenden Raumfolgen mit den Stuben zum See prägen weiterhin die Wohnung. Im Erdgeschoss wurden spätere Einbauten zurückgebaut und durch eine funktionale Garderobenschicht mit einem hindernisfreien WC ersetzt. Die ursprüngliche Raumstruktur ist heute klar ablesbar, der Unterrichtsraum ist über eine neue doppelflügelige Verbindung eindeutig dem öffentlichen Bereich zugeordnet. Das Erschliessungssystem aus dem frühen 20. Jahrhundert wurde angepasst und in Materialisierung und Ausführung an die historische Substanz angelehnt. Der Kirchgemeinde steht nun im Erdgeschoss der lang ersehnte zusätzliche Raum für ein Kirchenkafi zur Verfügung. Architektonisch folgt das Haus dem Prinzip des Weiterbauens. Historische Elemente sind erhalten, versetzt oder wiederverwendet, neue Eingriffe bleiben als zeitgenössische Ergänzungen erkennbar. Materialien, Türhierarchien, Bodenaufbauten und Farbigkeit beziehen sich auf den Bestand und werden mit wenigen, präzise gesetzten neuen Mitteln ergänzt. Konstruktiv und energetisch erfolgte die Ertüchtigung zurückhaltend. Fenster und Fassaden prägen weiterhin das Erscheinungsbild, während die erneuerte Energieversorgung den heutigen Anforderungen entspricht. Das Pfarrhaus zeigt sich heute als ruhig weitergebautes Ensemble, in dem die Spuren der Zeit nicht nivelliert, sondern geordnet und fortgeschrieben sind.
In einer Zeit, in der vielerorts in der Ostschweiz historische Pfarrhäuser in den Dörfern verkauft und umgenutzt werden, kann das Pfarrhaus in Altnau aufgrund eines klugen Nutzungskonzepts bestehen bleiben. Die finanziellen Rahmenbedingungen wurden entsprechend eng gesteckt und bildeten die verbindende Grundlage einer Thesenstudie. Unsere Inspiration für dieses Projekt lag dann in der Erkenntnis, dass das geschützte Haus in den letzten 300 Jahren bereits mehrmals umgebaut wurde. Dabei blieben unterschiedliche Spuren und Überlagerungen sichtbar. Uns interessierte die Frage: Weshalb hatte etwas Bestand? Seien es die unterschiedlichen Türbeschläge, Einbauten oder Beläge. Darauf aufbauend entwickelten wir ein ergänzendes Konzept, behielten die Fenster aus den 1990er Jahren, dämmten das geschützte Haus, wo sinnvoll, und formten behutsam um und weiter. Die bestehende Farbigkeit wurde aufgrund einer Analyse gesucht, wir übernahmen diese, ergänzten und entwickelten sie weiter.
Der strukturell grösste Eingriff bildet der Ersatz der Treppenanlage aus dem 19. Jahrhundert. In Abstimmung mit der Denkmalpflege und hinsichtlich der langfristigen Betrachtungsweise über das Gebäude wurde die Argumentation möglich. Die zentrale Einsicht für uns bestand darin, dass wir nicht einfach dem aktuellen Trend der Wiederverwendung folgten, sondern uns aus dem Verständnis der Geschichte des robusten Riegelhauses gestalterische Freiheiten nahmen, die heute thematisch hochaktuell sind. So trifft das furnierte Vorhangbrett aus den 1970er Jahren im historischen Studierzimmer auf das Fenster aus den 1990er Jahren mit der neuen Fensterbank, zusammengefasst mit der historischen Farbgebung. Einfach, weil es noch gut ist.
Schoch-tavli architekten beschäftigte sich in der Vergangenheit bereits mit unterschiedlichsten Sanierungen im Bestand. Die jüngsten stammen aus den 1980er Jahren. Entsprechend vermag sich das Pfarrhaus in Altnau in diese Reihe zu setzen, wobei jedem Objekt ein eigenes Konzept zugrunde liegt. Einfach, weil es Sinn macht.
Das Projekt von schoch-tavli architekten wurde im Rahmen des Swiss Arc Award 2026 eingereicht und von Nina Farhumand publiziert.