Verdichtung, Umnutzung, Re-Use – die architektTOUR Basel sucht nach Wegen für die Bauwende
Weiterbauen statt ersetzen – die architektTOUR Basel zeigt Wege für die Bauwende auf
Verdichten, aufstocken, umnutzen, wiederverwenden: Um die Architekturproduktion nachhaltiger zu machen, liegt der grösste Hebel im cleveren Umgang mit dem, was bereits da ist. Am 17. September 2026 versammelt die architekTOUR im Klybeck 610 in Basel Akteur*innen, Positionen und Projekte, die zeigen, wie Architektur mit weniger Ressourcen, weniger Abriss und materieller Intelligenz weitergedacht werden kann. Architekt*innen und Hersteller spannen dabei zusammen und suchen nach reccourcenschonenden Konzepten, neuen Konstruktionsweisen und innovativen Materialien.

Der Gewerberiegel Zentrale in Pratteln wurde von Stereo Architektur sorgfältig ertüchtigt. Dabei wurden bestehende Strukturen erhalten und zahlreiche Bauteile wiederverwendet. Claudio Meletta wird das Gebäude im Rahmen der architekTOUR Basel vorstellen. | Foto: Halmes Kobel
Vom Bestand aus Denken
Der Erhalt und die Weiterentwicklung bestehender Gebäude bildet den stärksten roten Faden des Tagesevents. Die Projekte wie die Transformation eines Lagergebäude in Wohnungen in Basel von Lukas Buol, Der Umbau und die Erweiterung des Hauses Silvrettaweg 4 in Zürich von Luca Camponovo. Auch mit dem Jüdischen Museum in Basel präsentiert von Stephan Gude von Diener & Diener, die Umnutzung Altes Kino in Riehen, vorgestellt von Valeria Oberholzer von SSA sowie der Gewerberiegel in Pratteln von Stereo Architektur, vorgestellt von Claudio Meletta zeigen unterschiedliche Strategien für clevere Umnutzungen. Sie fragen nicht zuerst, was ersetzt werden muss, sondern welches räumliche, materielle und kulturelle Potenzial im Vorhandenen liegt.
Dieses Thema bildet auch den Kern des Panels zum Thema Re-Use mit Barbara Buser von Denkstatt und Andreas Knapp von KÜSSDENFROSCH, das von Andreas Ruby moderiert wird und mit dem der Abend abgeschlossen wird. Buser steht wie kaum eine andere Schweizer Architektin für eine Baupraxis, die Erhalt, Umnutzung und Wiederverwendung konsequent zusammendenkt – von der Transformation des Gundeldinger Felds in Basel bis zur Aufstockung des Kopfbau Halle 118 in Winterthur mit einem hohen Anteil wiederverwendeter Bauteile. Zwei aktuelle Büros des baubüros insitu sind zudem in der begleitenden Ausstellung zu sehen. KÜSSDENFROSCH entwickelt unterdessen bestehende Gebäude für neue Nutzungen weiter, etwa mit der Umnutzung und Aufstockung eines ehemaligen Bunkers in Duisburg oder einem Konzept zur Wiederbelebung des früheren Schlachthofs in Bamberg als Food Campus.
Das Panel fragt: Was muss sich in Planung, Bauprozess und Immobilienentwicklung ändern, damit Re-Use vom Sonderfall zur Selbstverständlichkeit wird? Neben der Funktion der Architekt*innen wird es dabei auch um die wichtige Rolle von Partner*innen gehen. Wie kann man Bauherrschaften, Politik, Aktivist*innen und Anwohnende abholen, damit sie sich gemeinsam mit den Architekt*innen für breit aufgestellte und innovative Projekte einsetzen?

«A Room of One’s Own» in Zürich wurde von Camponovo Baumgartner als behutsame Transformation einer bestehenden Siedlung realisiert. Bestehende Gebäude wurden erhalten und erneuert und durch einen Neubau ergänzt, ohne die Bewohnenden während des Umbaus zu verdrängen. Luca Camponovo wird das Verdichtungsprojekt präsentieren. | Foto: Sven Högger
Verdichtung nach innen
Die Bauwende braucht auch neue Antworten auf die Frage der Dichte. Mit der Aufstockung eines Hauses in der Leimenstrasse in Basel zeigt Martin Wyss von bauplatz, wie zusätzlicher Raum auf bereits genutztem Boden entstehen kann. Auch das Haus Silvrettaweg 4 in Zürich von Camponovo Baumgartner steht für eine Architektur, die den Bestand nicht als Einschränkung, sondern als Ausgangspunkt für räumliche und soziale Weiterentwicklung versteht. Aufstockungen, Umbauten und präzise Eingriffe in bestehende Strukturen schaffen Wohn- und Nutzflächen dort, wo Infrastruktur, Erschliessung und Stadt bereits vorhanden sind. Sie sind damit nicht nur eine Frage der Flächeneffizienz, sondern auch ein Plädoyer für eine Stadtentwicklung, die mit dem Vorhandenen arbeitet statt sich immer weiter auszudehnen.

In der Hochbergerstrasse 158 in Basel hat die Kooperativen E45 ein ehemaliges Bürogebäude zu einem nachhaltigen Wohn- und Gewerbehaus mit 28 Wohnungen, Gemeinschaftsräumen und Musikräumen umgebaut. Daniele Sciarretta wird das CoDeck erläutern. | Foto: Walter Mair
Neue Materialien, Konstruktionen und Kreisläufe
Der Umbau hin zu einer nachhaltigeren Bauproduktion stellt ebenso Fragen an die Wahl der Materialien, an Tragwerke, Bauteile und Konstruktionsprinzipien. Maison Imho von Stern Zürn Architekten setzt auf regionale Materialkreisläufe – mit Recyclingbeton und Lehmsteinen. Das Projekt steht exemplarisch für eine Architektur, die Materialherkunft, Wiederverwertbarkeit und Atmosphäre gemeinsam denkt.
Weitere Beiträge zeigen, wie breit das Spektrum innovativer Bauweisen heute ist: Die Schule Wiesental, präsentiert von BWB Oberflächentechnik, lotet beispielsweise mit über eine Turnhalle spannenden Klassenzimmern die Möglichkeiten weit gespannter Holzkonstruktionen aus. iwb und Megasol stellen mit dem Hortus von Herzog & de Meuron ein Bürogebäude vor, in dem Solarelemente Teil eines ganzheitlichen Nachhaltigkeitskonzepts sind. Glapor wiederum zeigt Ansätze für betonfreie Bodenplatten aus Schaumglas sowie Gebäude in Holz-Stroh-Konstruktion. So entsteht ein Bild der Bauwende, das nicht bei guten Absichten stehen bleibt, sondern konkrete Lösungen auch auf den Ebenen von Kostruktion und Materialien sichtbar macht.

Das KÜSSDENFROSCH-Team hat einem Bunker in Düsseldorf-Bilk fünf Wohnkuben aufgesetzt. Andreas Knapp wird gemeinsam mit Barbara Buser auf dem Panel am Ende des Events über Strategien zum Erwecken schlafender Gebäude sprechen | Foto: KÜSSDENFROSCH
Ein vielfältiges Programm
Die ArchitekTOUR Basel ist ein Tagesevent über das, was Architektur jetzt leisten muss: Bestehendes bewahren, Räume intelligent weiterentwickeln, Materialien verantwortungsvoll einsetzen – und aus dem Vorhandenen eine zukunftsfähige Baukultur schaffen.
Im Programm wechseln sich Kurzvorträge von Architekt*innen zu realisierten Projekten mit Beiträgen von Industriepartnern ab. Während die Architekt*innen Einblicke in Entwurf, Planung und Umsetzung geben, stellen die Industriepartner Materialien, Konstruktionen und technische Lösungen anhand eigener Referenzprojekte vor. So treffen architektonische Haltung und praktische Anwendung unmittelbar aufeinander.
Die zwölf von Architekt*innen präsentierten Gebäude sind zugleich Teil einer Ausstellung mit insgesamt 30 von der Swiss Arc Redaktion ausgewählten aktuellen Projekten. Sie zeigt ein breites Spektrum aktueller Architektur – von Umnutzungen, Sanierungen und Aufstockungen bis zu neuen Wegen im Umgang mit Material, Konstruktion und Energie. Weitere ausgewählte Bauten ergänzen die Präsentation und machen sichtbar, wie vielfältig die Bauwende bereits in der Praxis umgesetzt wird.
Bei Essen und Getränken bleibt den ganzen Nachmittag und Abend über Zeit, die Projekte zu vertiefen, Kontakte zu knüpfen und über die Fragen hinter den gebauten Beispielen ins Gespräch zu kommen.

Mit dem «Werkhof 29» in Zürich hat das baubüro in situ ag einen bestehenden Backsteinbau von 1934 zu einem vielfältigen Arbeitsort weiterentwickelt. Der Bestand wurde erhalten und mit einer Aufstockung aus Holz ergänzt, wobei zahlreiche wiederverwendete und regenerative Materialien zum Einsatz kamen. | Foto: Martin Zeller
Folgende Referent*innen stellen Projekte vor
Barbara Buser, Denkstatt
Andreas Knapp, KÜSSDENFROSCH
Aufstockung Leimenstrasse, Basel – Martin Wyss, bauplatz
Transformation Lagergebäude, Basel – Lukas Buol, Buol & Zünd Architekten
Haus Silvrettaweg 4, Zürich – Luca Camponovo, Camponovo Baumgartner
Jüdisches Museum, Basel – Stephan Gude, Diener & Diener
Lysbüchel, Basel – Kommen, Gehen, Bleiben – Ariel Koechlin, Jaeger Köchlin
CoDeck, Basel – Daniele Sciarretta, Kooperative E45
Buck 40, Zürich – Yves Schihin, Oxid Architektur
Renovation Neustadtgasse 8, Winterthur – Peter Wehrli, RWPA
Alte Ziegelei, Kriens – Søren Linhart, Seiler Linhart
Umnutzung Altes Kino, Riehen – Valeria Oberholzer, SSA
Gewerberiegel, Pratteln – Claudio Meletta, Stereo Architektur
Maison Imho – Marco Zürn, Stern Zürn Architekten
Casa Carigiet – Remo Derungs, gasser, derungs Innenarchitekturen

Mit der «Urban Factory» in Zürich haben Käferstein & Meister einen Ort für urbane Produktion und vielfältige gewerbliche Nutzungen geschaffen. Das Projekt verbindet Arbeiten, Produktion und Stadt und stärkt damit die industrielle Identität des Ortes. Es wird in der Ausstellung Projects 26 zu sehen sein. | Foto: Jurgen Beck
In der Ausstellung werden zusätzlich folgende Projekte gezeigt
Igual & Guggenheim, Wohnhaus Friesenberg, Zürich
Roger Boltshauser, Wohnhochhaus H1, Regensdorf
Staufer & Hasler Architekten, Klanghaus, Alt St. Johann
kaeferstein meister + ekinci architects, Vertical Factory Koch Park, Zürich
Lukas Imhof, Erweiterung Produktion Alpenbitter, Appenzell
Baubüro insitu, Aufstockung Binz, Zürich
Baubüro insitu, Umbau Pförtnerhaus Frank Areal, Basel
Aschmann Ruegg, Heizzentrale, Obstalden
Baumschlager Eberle, Wohnhgebäude Openly, Wiednau
Balkrishna Doshi, Retreat, Weil am Rhein
Corinna Menn, Restaurant Caumasee, Flims
Miller & Maranta, Globus Basel, Basel
Weyell Zipse, Espenhof West, Zürich
Nussbaumer Trüssel, Zentrum Johannes, Basel
Seit 17 Jahren gastiert die architekTOUR regelmässig in verschiedenen Städten und hat sich als Plattform für den Architekturdiskurs etabliert. Das Format richtet sich an Architekt*innen und Planende und verbindet Fachvorträge, Projektpräsentationen und persönlichen Austausch in einem vielfältigen Programm. Die Basler Ausgabe macht dieses Netzwerk nun auch in der Schweiz erlebbar.
architekTOUR Basel – Projects 26
Ort: Klybeck 610, Gärtnerstrasse 2, Basel
Datum: 17. September 2026
Zeit: 16.30 bis 22 Uhr
