Circular Time Lab
6005 Luzern,
Schweiz
Veröffentlicht am 14. Juli 2026
Hochschule Luzern Technik und Architektur
Teilnahme am Swiss Arc Award 2026
Projektdaten
Basisdaten
Gebäudedaten nach SIA 416
Beschreibung
Das Projekt Circular Time Lab wurde am Institut für Architektur (IAR) der Hochschule Luzern – Technik & Architektur als Kooperationsprojekt zwischen Lehre, Forschung und Praxis durchgeführt. Die Projektleitung Forschung lag bei Pascal Wacker (Kompetenzzentrum Typologie & Planung in Architektur, CCTP), die Projektleitung Lehre bei Wolfgang Rossbauer. Die Projektkoordination Praxis übernahmen Beat Roos und Maurus Winistörfer. Zum Lehrteam gehörten Bianca Anna Boeckle, Matthew Howell, Rabea Kalbermatten, Ioannis Piertzovanis, Thomas Summermatter und Norma Tollmann; assistiert wurde es von Jonas Heller, Jana Mulle und Achille Patà. Beteiligt waren die Studierenden des Projektmoduls Struktur im Bachelorstudiengang Architektur (2. Semester) der Hochschule Luzern – Technik & Architektur sowie Lernende der beteiligten Unternehmen.
Die Besonderheit des Circular Time Lab liegt nicht im einmaligen Bau eines Prototyps, sondern im wiederkehrenden Prozess. Ziel des gemeinsamen Projekts von Lehre, Forschung und Praxis ist es, den Studierenden und Lernenden über eine anwendungsorientierte Herangehensweise eine Plattform zu bieten, um zirkuläre Praktiken zu testen, den Austausch zwischen den Fachdisziplinen zu stärken, aber auch die Akzeptanz des Scheiterns zu fördern. Lineares Denken soll durch zirkuläres Denken ersetzt werden.
Zeitrafferlabor für Zirkuläres Bauen
Um das Versprechen der Kreislauffähigkeit nicht in die ferne Zukunft auszulagern, setzt das Circular Time Lab auf die Idee eines Zeitrafferlabors. Im Rahmen des Projekts werden jeweils im Frühlingssemester mehrere Holzstrukturen als Gruppenarbeit entworfen und erstellt. Im Herbst werden diese wieder zurückgebaut, bevor im darauffolgenden Frühling mit den gleichen Materialien und Bauteilen die nächste Durchführung beginnt. Dieser zeitlich verdichtete Zyklus treibt die zirkuläre Logik des Fügens, Transportierens, Aufbauens, Abbauens und wieder neu Fügens auf die Spitze. Dadurch können konstruktive Techniken und Montageabläufe getestet werden; die gewonnenen Erkenntnisse fliessen unmittelbar wieder in den weiteren Prozess ein. Die entworfenen Endprodukte – oder eher Zwischenprodukte – tragen so die prozessualen Gedanken sowohl räumlich als auch gestalterisch weiter.
Luzerner Sommer
Mit dem Titel «Luzerner Sommer» erhalten die Studierendengruppen für das Projekt eine programmatische Vorgabe. Ihre Holzstrukturen sollen auf die lokalen Bedingungen der innerstädtischen Standorte während der heissen Sommermonate reagieren (programmatisch, klimatisch, kulturell) und gleichzeitig das konstruktive Kernthema der Zirkularität bewältigen. Die Objekte sollen Vielfalt, Begegnung und ein atmosphärisches Erleben des Stadtraums erzeugen und der Bevölkerung einen temporären Mehrwert bieten. Die jeweils drei realisierten Strukturen in Luzern und Emmenbrücke stehen während der Sommermonate allen frei zur Verfügung.
Ein kollaborativer und iterativer Prozess
Die Arbeitsweise ist im ganzen Projekt vom Entwurf bis zur Ausführung nicht linear, sondern folgt einem iterativen und kollaborativen Design-Build-Prozess. Planung und Ausführung verlaufen parallel; Entwurf, Materialbeschaffung und Logistik bedingen sich gegenseitig. Gerade in knappen Zeiträumen und beim Arbeiten mit Vorhandenem ist dies entscheidend. Durch die enge Zusammenarbeit mit Lernenden und Berufsbildner*innen der regionalen Holzbaubetriebe treffen das Wissen aus der Praxis und die Perspektiven aus dem Studium direkt am Bauteil aufeinander. Dieses Miteinander stärkt das gegenseitige Verständnis, schärft die Kommunikation und zeigt, wie kollaborative Prozesse die Umsetzung tragen.
Forschungsprojekt
Darüber hinaus dient das Circular Time Lab im Bereich der Forschung als Pilotprojekt im laufenden internationalen Kooperationsprojekt «Bauhalps – Building Circular in the Alps», in welchem dreizehn Partner*innen aus Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Slowenien und der Schweiz zusammenarbeiten.
Zusammenarbeit Lehre und Praxis
Die Zusammenarbeit zwischen der Hochschulausbildung und der Berufslehre unterstützt die Entwicklung praxisnaher Lösungen, fördert Innovation und das gegenseitige Verständnis. Gerade für die Umsetzung zirkulärer Projekte müssen Prozesse über den Lebenszyklus und die Trennung zwischen Planung und Ausführung hinaus betrachtet werden.
Die Studierenden sollen bereits im ersten Studienjahr ein Verständnis für physische Prozesse sammeln. Das Durchspielen von Abläufen in der knallharten Realität zeigt auf, dass Hürden oftmals dort sind, wo sie nicht vermutet werden: die vergessene Parkplatzreservation, die zu knapp kalkulierte Toleranz, die zum Verwechseln ähnliche Dimension von zwei unterschiedlichen Bauteilen. Für die ausführenden Unternehmen ist es wichtig, dass realitätsnahe Projekte entwickelt werden, in denen der Berufsnachwuchs Erfahrungen sammelt und diese dann direkt ins Unternehmen mit zurücknimmt – sei es im handwerklichen Bereich oder bei planerischen Tätigkeiten.
Die konkrete Zusammenarbeit zwischen Studierenden und Lernenden startete jeweils mit einem gemeinsamen Workshop zum Handwerk und zur Planung. Anschliessend arbeiteten sie während rund sechs Wochen Hands-on an der gemeinsamen realen Umsetzung der Strukturen. Es galt eine bestmögliche Struktur zu entwickeln und gleichzeitig Raum für ein spannendes Nachleben offenzuhalten. Das Arbeiten mit den vorgegebenen Materialien und dem Gedanken an deren zukünftige Weiterverwendung war planerische Prämisse.
So werden beispielsweise Kanthölzer wo möglich in Originallänge – und damit aus Sicht der Tragwerkslogik oftmals in Überlänge – belassen, um einem zukünftigen Einsatz mehr Spielraum zu geben. Es werden etliche vorhandene Querschnitte auch bewusst statisch überdimensioniert eingesetzt, um in weiteren Zyklen dazukommende Löcher oder Ausschnitte zu antizipieren. So werden auch gut sichtbare und einfach lösbare Verbindungen eingesetzt und in klar ablesbaren, additiven Hierarchien verbaut: die Logik des Zusammenbaus – und damit auch des Rückbaus – wird damit ohne grosses Planstudium nachvollziehbar. Eine Nummerierung der Bauteile stellt zudem die Rückverfolgbarkeit und den Zugang zu Materialinformationen für weitere Verwendungszyklen sicher.
Nach Abschluss einer Durchführung werden die Strukturen geordnet demontiert, die einzelnen Bauteile geprüft, dokumentiert und in den Räumlichkeiten der Hochschule Luzern zwischengelagert. So ist alles vorbereitet, damit in Zukunft mit denselben Bauteilen und Materialien eine neue Entwurfsreise beginnen kann.
Was im kleinen Rahmen mit der lokalen Holzindustrie und an spezifischen Orten erprobt wird, lässt sich auf grosse Gebäude, anspruchsvolle Standorte und natürlich andere Baumaterialien übertragen. Entscheidend ist dabei, die relevanten Faktoren verstehen und hierarchisieren zu lernen und sie dann auf ihr Potenzial hin ausspielen zu können.
Internationaler Austausch
Wie die Kreislaufwirtschaft in der Praxis umgesetzt werden kann, beschäftigt nicht nur die Baubranche in Luzern bzw. der Schweiz, auch andere Regionen im Alpenraum stehen vor ähnlichen Herausforderungen – und verfügen gleichzeitig über eigene Stärken und Potenziale in Bautechnologien und Baukultur.
Genau hier knüpft das europäische Kooperationsprojekt Bauhalps – Building Circular in the Alps an, in welchem das Circular Time Lab als Schweizer Pilot integriert ist. Bauhalps verbindet regionale Kompetenzen, um gemeinsam zu lernen, Wissen zu entwickeln und voneinander zu profitieren. Mit Blick auf die anderen Regionen soll gemeinsam ein Verständnis für zirkuläres Bauen im Alpenraum entwickelt werden. Das Circular Time Lab schlägt also die Brücke – vom lokalen Handwerk zur Innovation, von der Praxis in die europäische Forschungslandschaft.
Regional nachhaltig
Regionalität ist für das Zirkuläre Bauen ein wichtiger Faktor. Weswegen im Projekt Circular Time Lab darauf geachtet wurde, dass sämtliche Materialien aus der näheren Umgebung bezogen werden – ob abgebrochene Balken einer Scheune, Fehlproduktionen oder Restbestände, nahezu alles stammt aus der Region Zentralschweiz.
Diese Bemühungen wurden denn auch anerkannt: den Strukturen des Circular Time Lab wurde das Label «Schweizer Holz» verliehen. Dieses zeichnet Bauten aus, die überwiegend aus Schweizer Holz bestehen. Die drei Strukturen der ersten Durchführung bestanden nachweislich zu über 90 Prozent aus gelabeltem Schweizer Holz. Bei der Verleihung würdigten Vertreter*innen des Bundesamtes für Raumentwicklung ARE, der Regierung des Kantons Luzern und des Stadtrats Luzern die Arbeit des «Circular Time Lab».
Das Circular Time Lab ist das Schweizer Reallabor des europäischen Alpine-Space-Projekts «BAUHALPS». Es wird im Rahmen der Neuen Regionalpolitik (NRP) des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) über den Fonds für Regionalentwicklung sowie durch die Dienststelle Landwirtschaft und Wald des Kantons Luzern (lawa) und Eigenmittel der Hochschule Luzern kofinanziert. Begleitet wird das Projekt vom Bundesamt für Raumentwicklung (ARE).
Das Projekt der Hochschule Luzern Technik und Architektur wurde im Rahmen des Swiss Arc Award 2026 in der Kategorie Next Generation eingereicht und von Nina Farhumand publiziert.